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«Affäre Jeanne Calment»

Wurde die älteste Frau der Welt gar nicht so alt?

Beruht der Rekord für Langlebigkeit auf einem Betrug? Eine neue Studie aus Russland zur Französin Jeanne Calment sorgt für Unruhe und Fragen. Weitere Untersuchungen sollen mehr Klarheit bringen.
dpa
30.01.2019
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Sie war 14 Jahre alt, als der Pariser Eiffelturm fertiggestellt wurde, und überlebte zwei Weltkriege. «Gott muss mich vergessen haben», sagte Jeanne Calment aus dem südfranzösischen Arles einmal. Sie wurde 122 Jahre und 164 Tage alt – laut Guinness-Buch der Rekorde ist kein Fall eines noch älteren Menschen komplett dokumentiert.

Frankreichs «Doyenne», wie sie oft stolz genannt wurde, ist seit gut 21 Jahren tot. Doch ihre Langlebigkeit lässt Forscher nicht ruhen. Nun gibt es eine handfeste Kontroverse: Der russische Mathematiker Nikolai Sak veröffentlichte im vergangenen Monat eine Studie, wonach der Rekord auf einem Identitätsbetrug beruhen könnte. Nicht Jeanne Calment sei 1997 gestorben, sondern ihre Tochter Yvonne – im Alter von «nur» 99 Jahren.

Das Motiv: Yvonne habe beim Tod ihrer vermögenden Mutter 1934 die damals sehr hohe Erbschaftssteuer umgehen wollen und deshalb die Identität von Jeanne angenommen. Sak wurde nach eigenen Angaben von dem Moskauer Gerontologen Waleri Nowossjolow unterstützt.

In Jeanne Calments Heimatstadt sorgt der Vorstoß für Wirbel. Worte wie «foutaise» («dummes Zeug») waren laut Medien zu hören. Inzwischen wächst auch unter Spezialisten der Widerstand gegen die Vorwürfe aus Russland. Es fehle jeglicher Beweis für einen Betrug, sagte die Expertin beim französischen Institut für demografische Studien, France Meslé, der Deutschen Presse-Agentur in Paris.

Gleichzeitig kündigte die Expertin für äußerst betagte Menschen aber an, es solle neue Nachforschungen geben. Es habe in der vergangenen Woche ein Treffen von Experten gegeben, um über den Fall zu beraten. «Zusätzliche Nachforschungen können sinnvoll sein, beispielsweise im Archiv von Arles», sagte sie.

Falls weitere Zweifel auftauchen sollten, könnte man auch über die Exhumierung der Leiche Calments nachdenken, um eine DNA-Probe zu machen, sagte Meslé. Bei diesem Schritt sei man aber bisher nicht angelangt. Andere Experten weisen darauf hin, dass eine Exhumierung rechtlich keine einfache Lösung sei. So müsse sich beispielsweise die Justiz einschalten.

Beim Pariser Demografie-Institut wird auf die jüngste Recherche der Wochenzeitschrift «Paris Match» verwiesen, deren Reporter sich auf den Weg nach Arles machten. «In den 1930er-Jahren kannte jeder Yvonne (Jeannes Tochter) und war Zeuge ihrer langen Krankheit», resümiert das Blatt. Der Tod der damals 36-Jährigen sei 1934 nicht versteckt worden. Mit diesen und anderen Argumenten weist die Zeitschrift die russische These als falsch zurück.

Ein einziger Mensch hatte sich der Langlebigkeit von Jeanne Calment nie so recht erfreuen können: Der Notar, der ihre Wohnung auf Leibrente gekauft hatte und nach 30 Jahren und der Zahlung von fast einer Million Franc Leibrente 1995 vor ihr gestorben war. Experten wollen sich nun auch genauer die Vermögensverhältnisse der aus einer angesehenen bürgerlichen Familie stammenden Calment anschauen. 144 Jahre nach ihrer Geburt birgt der Fall möglicherweise weitere Geheimnisse.

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