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Verblistern im Heim

IQWiG nimmt Nutzen ins Visier

Ob das Verblistern von Medikamenten in Pflegeheimen Vorteile bringt, ist bisher kaum erforscht. Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) schlägt jetzt ein Studiendesign vor, das auch den Nutzen des Medikationsmanagements durch die Apotheker belegen könnte.
Christina Müller
14.05.2019
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Im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG) haben die Kölner Wissenschaftler geprüft, ob sich Vorteile durch das Verblistern der Medikation für Menschen in stationären Einrichtungen nachweisen lassen. Das Ergebnis ist ernüchternd: Laut IQWiG haben Forscher das patientenindividuelle Verblistern auch international bisher überwiegend für den ambulanten Bereich untersucht. »Was die Verblisterung für Pflegeheime angeht, gibt es hingegen kaum belastbare Daten aus Studien.« Die gängigen Argumente, die Befürworter und Kritiker regelmäßig vorbringen, ließen sich nicht wissenschaftlich belegen, teilt das Institut mit. Das gelte gleichermaßen für den Aspekt der Wirtschaftlichkeit.

Studien aus dem ambulanten Setting seien kaum auf stationäre Bereiche übertragbar, schreibt das IQWiG. »Dies gilt vor allem deshalb, weil Menschen, die zuhause leben, noch in der Lage sein sollten, ihre Medikamente selbst zu handhaben.« Das Institut hat nach eigenen Angaben keine Erhebung gefunden, die sich der stationären Altenpflege widmet. Die deutschen Studien, die es identifizieren konnte, stammten aus Modellprojekten von Krankenkassen. Dabei handelte es sich vor allem um Vorher-Nachher-Vergleiche ohne Kontrollgruppe. Die Ergebnisse solcher Studien seien jedoch wenig aussagekräftig – sowohl mit Blick auf den Nutzen für die Heimbewohner, etwa bezüglich der Symptome, des Gesundheitszustands oder Arzneimittel-Nebenwirkungen, als auch für die arbeitsbezogene Lebensqualität und die fachliche Kompetenz der Pflegekräfte.

»Diskrepanz hat uns überrascht«

»Die Diskrepanz zwischen der breit und teils vehement geführten Debatte um die patientenindividuelle Verblisterung einerseits und der schlechten Datenlage andererseits hat uns doch überrascht«, kommentiert Thomas Kaiser, Leiter des Ressorts Arzneimittelbewertung beim IQWiG. Mit großer Verve argumentierten einzelne Akteure und Interessenvertreter für oder gegen die Verblisterung, ohne ihre Positionen wissenschaftlich unterfüttern zu können. »Es ist gut, dass ein Auftrag des Gesundheitsministeriums dies nun offengelegt hat.« Der vorliegende Bericht sei dem BMG bereits zugestellt worden.

»Zusammenfassend besteht offensichtlich ein großer Forschungsbedarf, um die Fragen rund um den patientenrelevanten Nutzen der patientenindividuellen Verblisterung, deren Auswirkungen auf die fachliche Kompetenz und arbeitsbezogene Lebensqualität der Pflegekräfte, Indikatoren im Hinblick auf die Arzneimitteltherapiesicherheit und wirtschaftliche Aspekte der Verblisterung zu beantworten«, heißt es im Rapid Report des Instituts. Die Konzeption und Durchführung aussagekräftiger Studien sei notwendig, um festzustellen, ob und wie sich die Versorgung von Patienten im Pflegeheim durch den Einsatz der Verblisterung verändert. »Für die Fragestellung der Nutzenbewertung ist hierfür eine randomisierte kontrollierte Studie wünschenswert.«

Medikationsmanagement inklusive

Um die Datenlücke zu schließen, entwirft das IQWiG ein mögliches Studiendesign. Den Wissenschaftlern schwebt laut Rapid Report eine dreiarmige Erhebung vor: Arm eins erhält verblisterte Arzneimittel plus intensiviertes Medikationsmanagement, Arm zwei das Medikationsmanagement ohne Blister-Arzneien und Arm drei weder das eine noch das andere. Die Randomisierungseinheiten sollen demnach die Pflegeheime sein, es handelt sich also um eine sogenannte Cluster-Randomisierung. Als Endpunkte sind Mortalität, Morbidität, gesundheitsbezogene Lebensqualität sowie Nebenwirkungen vorgesehen. Die Studiendauer soll mindestens zwölf Monate betragen.

Das Auslagern des gesamten Rezeptmanagements auf die heimversorgende Apotheke bringe meist automatisch ein intensiviertes Medikationsmanagement mit sich, da »ein disziplinierter, standardisierter Austausch zwischen allen beteiligten Professionen« notwendig wird, begründen die Forscher ihren Vorschlag. »Damit scheint auch eine strukturiertere Erfassung aller verordneten Arzneimittel für einen Bewohner oder eine Bewohnerin einfacher möglich zu sein, was eine umfangreiche Medikationsanalyse erleichtert beziehungsweise erst ermöglicht.« Daraus ergebe sich jedoch ein Verzerrungspotenzial bezüglich des Nutzens der Verblisterung. Der zweite Arm könnte also als Referenzarm dafür dienen, welchen Effekt ein intensiviertes Medikationsmanagement allein bewirkt, heißt es.

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