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Risikostrukturausgleich

Ärzte und HIV-Infizierte verunsichert

11.11.2008
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Risikostrukturausgleich

Ärzte und HIV-Infizierte verunsichert

Von Liva Haensel, Berlin

 

HIV und Aids zählen zu den 80 Krankheiten, für die Krankenkassen ab Januar durch den Risikostrukturausgleich (RSA) besondere Zuschläge erhalten sollen. Doch bisher existiert dafür weder eine eindeutige Berechnungsgrundlage noch Klarheit darüber, inwieweit neue Therapien in diese mit einfließen werden. Ärzte und Krankenkassenvertreter sind verunsichert.

 

Laut einer Untersuchung der Deutschen Angestellten Krankenkasse (DAK) leben in Deutschland zurzeit rund 59.000 Menschen mit einer HIV-Infektion. Eine wesentlich kleinere Zahl, 9500, leiden bereits an der Immunschwäche Aids. Die Betroffenen waren bisher über individuelle Versorgungsverträge ihrer Krankenkassen mit Schwerpunktpraxen abgesichert. Doch mit dem Start des Gesundheitsfonds am 1. Januar kommen wesentliche Veränderungen auf die Kranken zu. Was für Auswirkungen dies für alle Beteiligten ab 2009 haben kann, erörterte eine Expertenrunde vergangenen Dienstag. »HIV-Therapie im Kontext des Morbi-RSA« lautete der Titel des Dialogabends, zu dem der Pharmahersteller GlaxoSmithKline in Berlin eingeladen hatte.

 

»Der RSA ist politisch sinnvoll, hat aber auch noch Lücken«, machte Professor Dr. Jürgen Wasem von der Universität Duisburg-Essen den Zuhörern deutlich. Der Lehrstuhlinhaber des Bereiches Medizinmanagement und Mit-Initiator des neuen RSA befürwortet den schärferen Wettbewerb der Krankenkassen. Er räumte jedoch ein Risiko bezüglich der Zu- und Abschläge der Kassen ein. Aids und HIV gehören zu den 80 Krankheiten, die »Morbiditätszuschläge« erhalten. Konkret bedeutet das: Krankenkassen erhalten für bei ihnen versicherte HIV-Kranke höhere Zuwendungen aus dem Fonds. Die Berechnungen belaufen sich für so einen Patienten bisher auf eine Summe von jährlich 10.500 Euro, so Wasem. Allerdings sei diese Zahl jetzt schon nicht mehr richtig, denn »sie basiert auf Erhebungen von 2006 und 2007«. So seien nach seinen Untersuchungen minimale Kosten ab 1330 Euro bis maximal 67.420 Euro pro Jahr, je nach Schwere der Krankheit, möglich. Folge: »Verträge zu HIV könnten in Zukunft für viele Kassen attraktiv sein.«

 

Dass diese auch abschreckend wirken könnten und damit eine Versorgungsgefahr für die Versicherten einhergeht, sprach Dr. Heribert Knechten an. Nach Meinung des Vorsitzenden der Deutschen Arbeitsgemeinschaft niedergelassener Ärzte in der Versorgung HIV-Infizierter (DAGNÄ) sind Durchschnittkosten von 14.500 Euro realistisch. Eine große Verunsicherung sei bei Versicherten und Ärzten spürbar: »Wir wissen nicht, wohin die Reise geht. Aber eins ist klar: Ab dem 1. Januar stehen Kranke mit ihrer Chipkarte da und wollen ausreichend versorgt werden«, sagte der Mediziner. Ob ein Aids-Patient, bisher für Krankenkassen als hoher Kostenfaktor unattraktiv, dann durch den Morbi-RSA als Versicherter willkommen sei, sei dahingestellt.

 

Dass die Zukunft des Morbiditäts-Risikostrukturausgleiches ungewiss ist, zeigte auch Professor Dr. Herbert Rebscher, Vorstandsvorsitzender der DAK, auf. Bisher hätten die Kassen die notwendigen Berechnungen für die 80 ausgewählten Krankheiten noch nicht erhalten, kritisierte er. Diese hätten eigentlich in diesem Monat dem Bundesversicherungsamt vorliegen müssen. »Zudem beinhalten die Rechnungen für Aids nicht, dass es mittlerweile wieder neue Arzneimittel gibt«, bemerkte er. Es sei daher Unsinn, zeitgleich mit dem Morbi-RSA auch den Gesundheitsfonds einzuführen. »Wir als Krankenkasse können überhaupt keine Innovationen voranbringen, wenn wir selbst nicht wissen, auf welcher finanziellen Grundlage wir uns befinden«, sagte Rebscher.

 

In der anschließenden Publikumsdiskussion kritisierte ein Berliner Internist mit HIV-Schwerpunktpraxis die Kündigung des Berliner Versorgungsvertrages durch die Krankenkassen. Berlin habe nun keine Verträge mehr. Ob sich diese Situation im nächsten Jahr bessere, sei fraglich.

 

Doch was bedeutet der Morbi-RSA für HIV- und Aids-Patienten? »Bisher haben wir keine Anfragen zu dem Thema von Betroffenen bekommen«, sagte Armin Schafberger, der Medizin-Referent der deutschen Aids-Hilfe in Köln ist. »Das Gesundheitssystem ist so komplex, das muss man erst mal selbst verstehen.« Mit Nachfragen von Betroffenen rechne er daher erst ab Januar.

Der neue Risikostrukturausgleich (Morbi-RSA)

Für jeden Versicherten erhält die zuständige Krankenkasse ab Januar 2009 eine Grundpauschale. Zusätzlich sollen Zuschläge die strukturellen Unterschiede des Versichertenkollektivs ausgleichen. Bisherige Merkmale des Risikostrukturausgleichs (Alter, Geschlecht, Erwerbsminderungsrente) werden um 80 ausgewählte Krankheiten (Diabetes, Herzerkrankungen) erweitert.

 

Für diese Krankheiten gibt es so Morbiditätszuschläge, die die durchschnittlichen Mehrausgaben widerspiegeln. Das Bundesversicherungsamt teilt den 80 Krankheiten insgesamt noch einmal 106 Morbiditätsgruppen zu. Die Deckungs-Ungleichheit entsteht deshalb, weil einige Krankheiten nach Schweregrad noch einmal aufgesplittet wurden.

 

Jeder Versicherte wird genau einer Alters-Geschlechts-Gruppe zugeordnet. Der neue RSA berücksichtigt 152 Risikogruppen. Rund ein Drittel aller Versicherten wird in eine solche Gruppe eingeordnet.

 

Für Versicherte, die mehrere Erkrankungen haben, bekommt die Kasse lediglich einen Zuschlag: den, der in der Morbiditäts-Hierarchie aufgrund der Diagnose am höchsten angesetzt ist. Für schwerkranke Versicherte könnte dies in Zukunft ein Risiko bedeuten. Denn trotz Zuschlägen wären sie damit »unattraktiv« für die Krankenkassen.

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