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Männliche Fertilität

Arzneimittel kontra Kinderwunsch

07.10.2014
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Von Sina Vanessa Pompe, Dorothea Strobach und Matthias ­Trottmann / Unerfüllter Kinderwunsch ist ein zunehmendes ­Problem unserer Zeit. Während der Einfluss von Arzneimitteln auf die weibliche Fertilität seit Langem intensiv untersucht wird, wird dies bei Männern bisher kaum berücksichtigt. Arzneistoffe können die männliche Fruchtbarkeit auf mehreren Ebenen beeinflussen.

Die Fertilität eines Paares wird von verschiedenen Faktoren beeinflusst. Dazu zählen unter anderem das Alter der Partner, Erkrankungen (allgemein und spezifisch die Fortpflanzung betreffend), Umwelteinflüsse (Toxine, Drogen, Rauchen, Hyperthermie) und der Arzneimittelkonsum (1). In den letzten Jahrzehnten ist die Zahl der Paare, die wegen unerfüllten Kinderwunsches medizinische Hilfe suchen, stetig gestiegen. Betroffen sind etwa 10 bis 15 Prozent der sexuell aktiven Bevölkerung. In etwa der Hälfte der Fälle liegen Fertilitätsprobleme des Mannes vor (2, 3).

 

Laut Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) spricht man von Infertilität, wenn innerhalb eines Jahres bei einem sexuell aktiven, nicht verhütenden Paar keine Schwangerschaft eintritt (3). Die Ursachen sind sehr vielfältig und betreffen oft beide Partner. Man geht davon aus, dass sich häufig mehrere gering fertilitätseinschränkende Faktoren summieren und so die gewünschte Schwangerschaft verhindern (4, 5).

 

Fertilitätseinschränkungen bei Män­nern können organische, hormonelle und genetische Ursachen haben. Zur Abklärung eines unerfüllten Kinderwunschs gehören immer eine detaillierte Anamnese, körperliche und genitale Untersuchung, Ultraschall der Hoden, endokrinologische Untersuchung und ein Spermiogramm (Kasten). Oft lässt sich die genaue Ursache der Störungen nicht feststellen. So finden Ärzte bei 30 bis 45 Prozent der Männer mit einem anormalen Spermiogramm keine Ursache; man spricht dann von idiopathischer männlicher Infertilität (4, 7).

 

Wie häufig nehmen Männer mit Kinderwunsch Arzneimittel ein? Nach Untersuchungen aus Dänemark, den Niederlanden und Norwegen nahmen 25 bis 30 Prozent der Männer, die im Untersuchungszeitraum Vater eines Kindes wurden, drei bis sechs Monate vor Konzeption ein Arzneimittel ein (8, 9). Bei 46 Prozent der Männer, die wegen unerfüllten Kinderwunschs die andrologische Ambulanz eines deutschen Universitätsklinikums aufsuchten, war ein Arzneimittelkonsum dokumentiert (10). Ein Grund für diese Zahlen ist sicher das zunehmende Alter der Männer, die sich Kinder wünschen. Mit den Lebensjahren steigt der Anteil an Personen mit dauerhaft behandlungsbedürftigen Erkrankungen. Zudem sind viele schwere Erkrankungen heute besser therapierbar, sodass sich die Frage der Zeugungsfähigkeit nach intensiven Arzneimitteltherapien oder unter kontinuierlicher Nachbehandlung stellt. Die Abklärung eines unerfüllten Kinderwunsches beim Mann schließt daher auch eine vollständige Arzneimittelanamnese mit ein (5).

 

Wie greifen Arzneimittel ein?

 

Arzneimittel können die Zeugungsfähigkeit des Mannes an sich, aber auch die gesunde Entwicklung des Kindes durch genotoxische Wirkung auf die Spermien beeinträchtigen. Verschiedene Mechanismen wirken dabei eng zusam­men (2, 11):

 

  • Veränderungen der Spermien/ Spermatogenese,
  • gonadotoxische Effekte,
  • hormonelle Effekte,
  • Veränderung der Erektion und Ejakulation und
  • Veränderung der Libido.
     

Im Unterschied zur Frau bilden sich die Fortpflanzungszellen beim Mann lebenslang neu. Die Spermatogenese läuft kontinuierlich über insgesamt etwa 72 Tage; der finale Reifungsprozess dauert zwei Wochen. Es können verschiedene Abweichungen im Spermiogramm vorkommen (siehe Kasten). Arzneimittelbedingt können diese zum Beispiel durch gonadotoxische oder hormonelle Effekte ausgelöst werden. Bei manchen Substanzen ist der Mechanismus ungeklärt (12).

Das Spermiogramm und seine Aussagen

Untersucht werden:

 

  • Volumen und pH-Wert des Ejakulats,
  • Mikroskopie auf Agglutination und Zelltrümmer,
  • Spermienkonzentration, -motilität und -morphologie,
  • Leukozytenzahl im Ejakulat,
  • Vorkommen von unreifen Vorläuferzellen.


Spezifische Analysen können folgen, zum Beispiel auf Autoantikörper oder biochemische Untersuchungen.

 

Typische Abweichungen sind:

 

  • Aspermie: kein Ejakulat,
  • Azoospermie: keine Spermien im Ejakulat,
  • Oligozoospermie: stark verminderte Spermienkonzentration,
  • Asthenozoospermie: verminderte Spermienmotilität,
  • Teratozoospermie: fehlgeformte Spermien,
  • Oligo-Astheno-Teratozoospermie: Konzentration, Motilität und Form der Spermien sind abweichend (OAT-Syndrom).


Aussagen zur Fertilität

 

Bestimmte Parameter ergeben zusammen eine Aussage zur Wahrscheinlichkeit, aber keine absolute Einstufung. Die Bewertung erfolgt immer im Verbund mit weiteren Untersuchungen. Aufgrund einer hohen intraindividuellen Variabilität empfiehlt die WHO immer zwei Untersuchungen im Abstand von einer bis zwei Wochen nach jeweils zwei bis sieben Tagen sexueller Abstinenz.Nach (6).

Gonadotoxische Effekte entstehen durch Schädigung der Stammzellen und stören die Spermatogenese. Kritisch sind alle sogenannten CMR-Arzneistoffe (CMR: carcinogen, mutagen, reproduktionstoxisch). Neben den Zytostatika gehören dazu auch Substanzen wie das Virustatikum Ganciclovir und das Immunsuppressivum Tacrolimus. Hier stellt sich immer die Frage, ob Männer unter solchen Therapien Kinder zeugen dürfen beziehungsweise welche Zeitabstände einzuhalten sind. Die Datenlage hierzu ist allerdings oft schwierig. Das Fallbeispiel zeigt dies an der Sub­stanz Azathioprin.

 

Männer, die sich einer Chemo- und/oder Radiotherapie unterziehen, sollte der Arzt immer zu einer Kryokonservierung (Aufbewahrung von entnommenen Spermien durch Tiefkühllagerung) beraten. Inwiefern die Fertilität nach Behandlungsende reversibel ist, hängt auch von der Art der Krebserkrankung, der Behandlung und der Ejakulatqualität vor Behandlungsbeginn ab (13, 14).

Fallbeispiel zu Azathioprin

Ein Mann mit Kinderwunsch erhält wegen seiner rheumatoiden Arthritis dauerhaft Azathioprin. Ist eine Vaterschaft unter der Therapie möglich?

 

Laut Fachinformation sind beim Tier Missbildungen durch Azathioprin in der Schwangerschaft aufgetreten, beim Menschen gibt es widersprüchliche Ergebnisse. Es liegen Berichte über spontane Aborte sowohl nach mütterlicher als auch nach väterlicher Exposition vor. Kinder, deren Eltern mit Azathioprin behandelt worden waren, zeigten reversible chromosomale Veränderungen an Lymphozyten. Nur extrem selten wurde eine sichtbare physische Abnormalität bei den Nachkommen von mit Azathioprin behandelten Patienten beobachtet. Der Arzneistoff hat mutagene und potenziell kanzerogene Eigenschaften. Laut Fachinformation sollten Männer während und bis sechs Monate nach Ende der Therapie keine Kinder zeugen (1).

 

Nach Einschätzung der Fachliteratur ist ein teratogenes Potenzial von Azathioprin in der Schwangerschaft (Frau) am Menschen bisher nicht erkennbar, obwohl es teratogen an Mäusen und Kaninchen war. Der Einsatz in der Schwangerschaft wird nach strenger Nutzen-Risiko-Abwägung als vertretbar angesehen (2–4).

 

Es liegen verschiedene Studien zur Azathioprin-Einnahme werdender Väter vor. Neuere umfassendere Studien zeigten kein erhöhtes Fehlbildungs­risiko.

 

Hoeltzenbein und Mitarbeiter (2012) untersuchten 115 Schwangerschaften und fanden keine erhöhte Rate an Missbildungen und keine Anzeichen für chromosomale Veränderungen. Es kam aber vermehrt zu Schwangerschaftsabbrüchen und einer nicht signifi­kant höheren Zahl spontaner Aborte (5). Teruel und Kollegen (2010) fanden bei 46 Schwangerschaften keine signifikanten Unterschiede gegenüber einer Kontrollgruppe hinsichtlich spontaner Aborte, fetaler Todesfälle, vorzeitiger Entbindung, kongenitaler Missbildungen und neoplastischer Erkrankungen der Kinder. Mehr Schwangerschaften traten erst nach mehr als einem Jahr ein, allerdings war dies nicht statistisch signifikant. Eine Einschränkung der Ferti­lität wurde nicht festgestellt. Die Autoren schließen daraus, dass eine routinemäßige Therapiepause nicht erforderlich ist (6).

 

Norgard und Mitarbeiter (2004) untersuchten 54 Schwangerschaften und fanden vier Kinder mit kongenitalen Missbildungen (7,4 Prozent) gegenüber 4,1 Prozent in der Kontrollgruppe (7).

 

Rajapakse und Kollegen (2000) untersuchten 50 Schwangerschaften, von denen 13 innerhalb von drei Monaten nach väterlicher Azathioprin-Exposi­tion eintraten. Es gab viermal Kompli­kationen, zwei spontane Aborte und zwei kongenitale Missbildungen. 37 Schwangerschaften, bei denen die Einnahme mindestens drei Monate vor Konzeption gestoppt wurde, zeigten keine Auffälligkeiten (8).

 

Fazit: Im Tierversuch wurde an zwei unterschiedlichen Spezies Teratogenität beobachtet. Die vorliegenden Daten scheinen dies für den Menschen nicht zu bestätigen. Die Einnahme von Azathioprin durch die Mutter in der Schwangerschaft wird nach heutiger Auffassung als vertretbar angesehen. Für Männer unter Azathioprin-Einnahme wird nach den vorliegenden Daten eine Therapiepause nicht als zwingend erforderlich angesehen. Aus rechtlichen Gründen ist auf die Angaben in der Fachinformation (sechs Monate Therapiepause) hinzuweisen und die adäquate Information des Patienten zu dokumentieren.

 

Literatur bei den Verfassern

Vorsicht Testosteron!

 

Testosteron ist ein entscheidendes Hormon für die männliche Fertilität. Es wird vor allem in den Leydig-Zellen der Hoden gebildet und beeinflusst Spermienproduktion, Libido, Erektion, Ausbildung der männlichen Ge­schlechts­­organe und der sekundären Geschlechtsmerkmale, Muskelmasse und Kraft (15). Die Steuerung erfolgt über das Hypothalamus-Hypophysen-System: Gonadotropin-Releasing-Hormon (GnRH) führt zur Freisetzung von follikelstimulierendem Hormon (FSH) und luteinisierendem Hormon (LH); Letzteres stimuliert die Testosteronproduktion.

Arzneistoffe, die diesen Regelmechanismus verändern, beeinflussen direkt die Fertilität des Mannes. Neben Hormonen gehören verschiedene Stoffe dazu, zum Beispiel der H2-Blocker Cimetidin, das Diuretikum Spironolacton, das Antimykotikum Ketoconazol und Digitalisglykoside (12).

 

Zudem gibt es einen wichtigen negativen Rückkopplungsmechanismus: Die exogene Zufuhr von Testosteron oder Anabolika hemmt die Spermatogenese. Der Effekt ist reversibel. Die Normali­sierung tritt üblicherweise nach vier Monaten ein, kann aber bis zu 36 Monate dauern (12, 16). Männer mit Kinderwunsch dürfen daher kein exogenes Testosteron und keine Anabolika erhalten. Bei bestimmten hormonellen Grunderkrankungen mit Testosteronmangel muss die Testosteronsubstitu­tion auf die Gabe von Gonadotropin umgestellt werden.

 

Der Wirkstoff Finasterid erhöht die Testosteronkonzentration, indem er dessen Umwandlung in Dihydrotestosteron hemmt. Therapeutische Indikationen sind benigne Prostatahyperplasie und androgene Alopezie. Eine Abnahme der Spermatogenese unter der höheren Dosis für Prostatahyperplasie (5 mg/Tag) ist bekannt. Berichtet wurde dies aber auch für die geringere Dosis von 1 mg/Tag per os bei Alopezie (17). Fallberichte beschrei­ben eine reversible Infertilität unter Finasterid, die sich drei bis vier Mona­te nach Absetzen normalisiert (18).

 

Einflüsse auf Erektion, Ejakulation und Libido

 

Erektion und Ejakulation unterliegen komplexen Regelmechanismen, an denen diverse Neurotransmitter beteiligt sind, darunter Dopamin, Noradrenalin und Serotonin, aber auch α- und β-Rezeptoren und die Hormone Prolaktin und Oxytocin (15, 19). Viele Arzneistoffe können über diese Mechanismen Erektionsstörungen auslösen. Einige können auch zu einem Priapismus führen, einer schmerzhaften, dauer­haften Erektion. Dies ist ein urologischer Notfall, der sofort behandelt werden muss.

 

Die Libido (sexuelles Verlangen) wird stark von Testosteron und dem potenteren Abbauprodukt Dihydrotestosteron beeinflusst. Substanzen, die den Androgenrezeptor blockieren (Beispiele: Cimetidin, Spironolacton), den Testo­ste­ronspiegel senken (Beispiele: Fibrate, Betablocker) oder den Prolaktinspiegel erhöhen (Beispiele: Antipsychotika, Opiate), dämpfen auch die Libido. Sedierende Nebenwirkungen können ebenfalls die Libido einschränken (19).

 

Nachfolgend werden die Effekte einiger häufig eingesetzter Arzneistoffgruppen auf die männliche Fertilität diskutiert.

Fallbeispiel zu Testosteron

<typohead type="2" class="balken">Ein 33-jähriger Mann stellt sich in der andrologischen Ambulanz mit unerfülltem Kinderwunsch vor. Ein vom Hausarzt veranlasstes Spermiogramm zeigt Azoospermie. Was kann die Ursache sein?</typohead type="2">

In der Anamnese wird festgestellt, dass der Mann unter hypogonadotropem Hypogonadismus (Unterfunktion der Keimdrüsen durch Mangel an den Hormonen LH und FSH) und in der Folge an Testosteronmangel leidet. Seit etwa fünf Jahren wird das Hormon daher alle sechs Wochen intramuskulär gespritzt (Nebido®). Da Testosteron bei exogener Zufuhr die Spermiogenese hemmt, muss die Therapie umgestellt werden auf das übergeordnete Hormon LH, das die körpereigene Bildung der Sexualhormone direkt in den Gonaden stimuliert. Der Mann erhält nun humanes Choriongonadotropin (Brevactid®), dessen Wirkung dem hypophysären LH entspricht. Nach sechs Monaten zeigt sich eine Oligozoospermie im Spermiogramm; das heißt: Es werden wieder Spermien produziert, auch wenn deren Zahl noch unter dem Durchschnitt liegt.

Antihypertensiva

 

Antihypertensiva gehören zu den am breitesten verordneten Arzneistoffgruppen. 12 Prozent aller Arzneimitteleinnahmen, die Männer mit unerfülltem Kinderwunsch angaben, betrafen ein Antihypertensivum (10). Erektile Dysfunktion ist eine häufige Nebenwirkung, zum Beispiel von zentralen Sympatholytika (Clonidin), Betablockern und Diuretika (19). Allerdings zeigen verschiedene Untersuchungen, dass Hypertonie an sich ein Risikofaktor für erektile Dysfunktion und eine Zuordnung als Nebenwirkung der Anti­hypertensiva oft nicht eindeutig möglich ist (15).

 

Kardioselektive Betablocker wie Bisoprolol, Metoprolol und Atenolol scheinen weniger erektile Dysfunktion und Libidoeinschränkungen hervorzurufen als das unselektive Propranolol (16, 19). Bei den Diuretika unterscheiden sich die Substanzklassen: Thiazide führen häufig zu erektiler Dysfunktion, Schleifendiuretika dagegen nicht (19). Der Aldosteronantagonist Spironolacton wirkt als Antiandrogen und kann zu eingeschränkter Libido, erektiler Dysfunktion und verminderter Spermatogenese führen (11, 12).

 

Calciumantagonisten können reversible funktionale Defekte der Spermien auslösen und die Fähigkeit zur Befruchtung eines Eis vermindern. Fallberichte beschreiben Infertilität, zum Beispiel unter Nifedipin, und erfolgreiche Schwangerschaften nach dem Absetzen (2, 12). Alphablocker wie Tamsulosin haben zwar auch blutdrucksenkende Effekte, werden aber vor allem bei benigner Prostatahyperplasie eingesetzt. Sie können Ejakulationsstörungen, darunter auch eine retrograde Ejakulation auslösen (aufgrund einer Insuffizienz des inneren Schließmuskels gelangt bei der Ejakula­tion Ejakulat in die Blase). Zusätzlich gibt es negative Effekte auf die Spermien­motilität und -konzentration (2).

 

ACE-Hemmer scheinen ein günstigeres Nebenwirkungsprofil zu haben: Es gibt weniger Hinweise auf vermehrte sexuelle Dysfunktion, und der Testosteronspiegel bleibt unverändert (15, 19). ACE-Hemmer werden als gute Alternative zur Hypertoniebehandlung bei Männern mit Kinderwunsch empfohlen (16). Angiotensin-2-Rezeptorantagonisten (Sartane) haben nach derzeitigem Kenntnisstand ebenfalls keine negativen Einflüsse (15, 19).

 

Bluthochdruck ist eine klar behandlungsbedürftige Erkrankung. Apotheker sollten Männern mit Kinderwunsch erklären, dass und warum sie die Arzneimittel nicht einfach absetzen dürfen. Bei unerfülltem Kinderwunsch sollte der Mann mit dem Arzt über eine Dosisreduktion oder einen Substanzwechsel, vor allem bei Calciumantagonisten, sprechen.

 

Antiepileptika


Epileptische Erkrankungen werden mit eingeschränkter männlicher Fertilität assoziiert. Beschrieben sind veränderte Testosteronspiegel, erhöhte Estrogenspiegel, verminderte Spermienqualität und Libido und häufig erektile Dysfunktion. Antiepileptika wie Carbamazepin, Phenytoin, Valproat und Oxcarbazepin können hormonelle Störungen verstärken und die Spermienqualität beeinträchtigen (2, 11). In Studien war allerdings oft nicht genau differenzierbar, ob die beobachteten Effekte der Epilepsie an sich oder dem Antiepileptikum zuzuschreiben sind. Ein Fallbericht beschreibt eine verbesserte Spermienmotilität und anschließende Vaterschaft bei einem Patienten nach Umstellung von Carbamazepin auf Phenytoin (20).

 

Die Datenlage ist insgesamt unzureichend, sodass keine Empfehlungen für einzelne Substanzen möglich sind. Auch diesen Patienten muss der Apotheker unbedingt erklären, dass sie eine antiepileptische Behandlung nicht abbrechen dürfen. Gemeinsam mit dem Arzt kann eine Dosisreduktion oder ein Substanzwechsel diskutiert werden. Zu beachten bleibt: Eine Epilepsie an sich erhöht die Wahrscheinlichkeit männlicher Fertilitätsprobleme.

 

Psychopharmaka

 

Viele Psychopharmaka beeinflussen die Fertilität über die Hypothalamus-Hypophysen-Achse, über Dopamin und Prolaktin und können erektile Dysfunktion, verminderte Libido und Störungen der Spermatogenese hervorrufen. Zusätzlich können anticholinerge, sedative und alpha-adrenerg blockierende Effekte hinzukommen. Allerdings erhöht oft auch die Grunderkrankung die Wahrscheinlichkeit sexueller Funktionsstörungen (19).


Sexuelle Dysfunktion ist eine der häufigsten Nebenwirkungen von Anti­depressiva und Antipsychotika und beeinträchtigt häufig die Compliance. Unter den Antidepressiva werden Bupro­pion und Mirtazapin teilweise als günstiger beurteilt, vor allem hinsichtlich der erektilen Dysfunktion (19). Für selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) ist eine reversible Beeinträchtigung der Spermienqualität bekannt. Seit 2012 muss dieser Hinweis in der Fachinformation aufgeführt werden (21). Die Verzögerung der Ejakula­tion wird auch therapeutisch bei vorzeitigem Samenerguss genutzt, zum Beispiel mit dem SSRI Dapoxetin.

 

Auch bei den Psychopharmaka ist die Behandlung der Grunderkrankung essenziell. Abruptes Absetzen der Medi­kation ist tabu. Bei Bedarf muss der Mann das Vorgehen mit seinem Arzt besprechen. Vor allem eine arzneimittelinduzierte Hyperprolaktinämie sollte vermieden werden. Möglich sind zum Beispiel Substanzwechsel, Dosisreduktion oder sogar eine Therapiepause. In der Literatur liegen verschiedene Fallberichte vor, bei denen ein Mann nach Therapieumstellung ein Kind zeugen konnte.

 

Antihistaminika

 

Antihistaminika als nicht-rezeptpflichtige Arzneimittel werden oft als »eher harmlos« eingestuft. Ob sie die männliche Fertilität reduzieren, ist nicht ganz klar. Fallberichte beschreiben eine verminderte Spermienmotilität unter der Einnahme zum Beispiel von Fexofenadin und Cetirizin, die sich mehrere Monate nach Absetzen verbesserte. Nach mehrjähriger Infertilität konnte der Mann erfolg­reich Kinder zeugen (22, 23).

 

Andererseits liegen Berichte über eine Fertilitätssteigerung vor. Männer mit Fertilitätsproblemen und einer erhöhten Anzahl an Mastzellen in der Spermienflüssigkeit profitierten von Mastzellstabilisatoren wie Ketotifen und Azelastin; die Schwangerschaftsrate stieg (24, 25).

 

Patienten nehmen Antihistaminika, zum Beispiel bei Heuschnupfen, oft monatelang ein. Aufgrund der positiven Fallberichte erscheint ein Absetzen probehalber sinnvoll. Bei starken Beschwerden könnte der Patient zum Beispiel ein nasales oder inhalatives Corticoid anwenden.

 

Antiphlogistika und Analgetika

 

Die sogenannten schwachen Analgetika oder nicht-steroidalen Antirheumatika (NSAR) werden überwiegend in Eigen­medikation, oft auch lange und unkritisch eingenommen. Die Daten­lage zum Einfluss von NSAR auf die männliche Fertilität ist allerdings dünn und nicht ganz klar.

 

Nach überwiegender Ansicht beeinflussen NSAR die Spermatogenese nicht (26). Dagegen wurde in einer Studie eine verminderte Spermien­anzahl und -qualität bei chronischem Gebrauch von nicht-rezeptpflichtigen NSAR, vorwiegend Acetylsalicylsäure, festgestellt (27). In vitro veränderten verschiedene NSAR die Testosteron- und die Prostaglandinproduktion in menschlichen Testiszellen und könnten so die Fertilität beeinflussen (28). Eine Expertengruppe empfiehlt ein individuelles Vorgehen: Männer mit unerfülltem Kinderwunsch sollten sich einem Spermiogramm unterziehen. Ist dieses normal, können sie weiterhin NSAR einnehmen. Liegen Abweichungen vor, sollten sie diese Medikamente absetzen (29).

 

Davon abzugrenzen ist der Einfluss chronischer Entzündungsprozesse und Infektionen. Chronische Entzündungen, insbesondere im Urogenital­bereich, müssen vom Arzt behandelt werden. Bei Autoimmunerkrankungen sollte er den Mann beraten, da Immunsuppressiva, aber auch chronisch entzündliche Erkrankungen selbst die männliche Fertilität beeinflussen können.

 

Für Opioide wie Morphin, Methadon und Fentanyl sind Azoospermie (keine Spermien im Ejakulat), verminderte Libido und erektile Dysfunktion beschrieben (12). Hohe Opioiddosen vermindern die Freisetzung von GnRH und nachfolgend von LH, FSH und Testosteron. Der Effekt ist nach Absetzen reversibel (12). Im Tierversuch wurden Einflüsse auf die Nachkommen, zum Beispiel hinsichtlich Gewicht, Endokrinologie und Verhalten, gezeigt, wenn das männliche Tier zum Zeitpunkt der Konzeption Opioide bekam (30).

 

Braucht ein Patient kurzzeitig Opioide, kann der Apotheker den Patienten und seinen Arzt über die reversiblen Effekte auf die Fertilität informieren. Ist ein langfristiger Einsatz erforderlich, sollte ein Schmerzspezialist beurteilen, ob und wie eventuell eine Umstellung möglich ist.

 

Suche nach validen Informationen

 

Verglichen mit Angaben zum Arzneimitteleinfluss auf die Fertilität der Frau sind Informationen für den Mann weniger verfügbar. Die Fachinformationen sind oft sehr allgemein gehalten. Vor allem bei alten Substanzen wird bei Angaben zur Fertilitätsbeeinflussung nicht einmal zwischen männlichen und weiblichen Tieren unterschieden. 

Oft sind die verwendeten Begriffe nicht genau: Während zum Beispiel »männliche Infertilität« nach WHO definiert ist, ist unklar, was unter »Impotenz« zu verstehen ist. Zum Beispiel kann die erektile Dysfunktion gemeint sein oder insge­samt die Unfähigkeit, ein Kind zu zeugen. Erschwerend kommt hinzu, dass Angaben aus Tierversuchen nur bedingt übertragbar sind. Während beim Mann die Spermatogenese bis zu 74 Tage dauert, beträgt sie bei der Ratte 48 und bei der Maus nur 35 Tage (30).

 

Trotz dieser Einschränkungen ist die aktuelle Fachinformation (www.fachinfo.de) eine wichtige und leicht zugängliche Informationsquelle. Hat der Hersteller Angaben zur Wahrscheinlichkeit bestimmter Nebenwirkungen und möglicherweise indizierten Zeitabständen zur Zeugung eines Kindes aufgeführt, ist dies auch rechtlich bedeutsam.

 

Für viele Arzneistoffe liegen weiterführende Informationen vor. Neben der ABDA-Datenbank finden sich diese auch in englischsprachigen (kostenpflichtigen) Übersichtsdatenbanken, zum Beispiel Drugdex, Facts & Comparisons oder AHFS online. Die regionalen Arzneimittelinformationszentren, die für jede Apotheke auf Kammerebene zugänglich sind, haben Zugriff auf eine Auswahl dieser Datenbanken und Erfahrung in der Recherche komplexer Fragen.

 

Zusammenfassung

 

Die Ursache eines unerfüllten Kinderwunschs ist oft multifaktoriell, Arzneimittel können sowohl beim Mann als auch bei der Frau eine Ursache sein. Daher sollten sich immer beide Partner einer genauen medizinischen Abklärung unterziehen. Männer können sich an einen niedergelassenen Urologen oder einen spezialisierten Andrologen wenden. Apotheker können sensibel auf die Möglichkeit der gezielten Untersuchung hinweisen. Sie sollten auch den Einfluss von Arzneimitteln auf die Fertilität bedenken und gegebenenfalls eine Überprüfung der Medikation anregen. /

Die Autoren

Sina Pompe studierte Pharmazie an der LMU München und erhielt 2011 ihre Approbation als Apothekerin. Seit 2012 ist sie Inhaberin der Rathaus-Apotheke in Gersthofen und führt seit 2013 die Bereichsbezeichnung Geriatrische Pharmazie. Sie promoviert zum Thema »Einfluss von Arzneimitteln auf die männliche Fertilität« an der LMU München, einem gemeinsamen Projekt der Apotheke und der Urologie des Klinikums München.

 

Dorothea Strobach studierte Pharmazie an der Universität Greifswald. Sie arbeitete vier Jahre in einer öffentlichen Apotheke und erwarb den Fachapotheker für Offizinpharmazie. Seit 1999 arbeitet sie am Klinikum der Universität München in der Krankenhaus­apotheke, Abteilung Arzneimittelinformation. 2004 wurde sie bei Professor Lorenz an der LMU München in der Arteriosklerosegrundlagenforschung promoviert. 2011 legte sie die Prüfung zum Fachapotheker für Klinische Pharmazie ab. Sie ist als Dozen­tin in der Ausbildung von Pharmazie- und Medizinstudenten tätig.

 

Matthias Trottmann studierte Humanme­dizin in Würzburg und München. Seit 2003 arbeitet er in der Urologischen Klinik und Poliklinik der LMU München, seit 2008 als Funktionsoberarzt. Als promovierter Facharzt für Urologie ist er zusätzlich Fellow of the European Bord of Urology (FEBU). Dr. Trottmann hat die Fachzusatzbezeichnung Andrologie und ist Mitglied des Arbeitskreises Andrologie der Deutschen Gesellschaft für Urologie. Er leitet die Forschungsgruppe Andrologie und die Andrologische Sprechstunde der LMU München.

 

Dr. Dorothea Strobach und Sina Pompe, Apotheke des Klinikums der Universität München,

Dr. Matthias Trottmann Urologische Klinik des Klinikums der Universität München, Campus Großhadern, Marchioninistr. 15, 81377 München

 

E-Mail-Adressen:
dorothea.strobach(at)med.uni-muenchen.de
sina.pompe(at)med.uni-muenchen.de
matthias.trottmann(at)med.uni-muenchen.de

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Literatur zum Fallbeispiel Azathioprin :

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