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Kommunikation

29.08.2016
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Von Barbara Geyer, Sonja Mayer, Michaela Häberle, Kirsten Dahse und Ulrich Krötsch / Der diesjährige erste Preis der Dr.-Hellmuth-Häussermann-Stiftung ging an das Projekt »Komplexität der Medi­kationsanalyse – Profitieren aus den Erfahrungen von zwei Jahren«. Es fasst die Auswertung und Ergebnisse von 7890 pharmazeutischen Kurvenvisiten unter verschiedenen Aspekten zusammen und zeigt Wege zur Qualitätssicherung bei der Medikationsanalyse, indem ein Handlungsleitfaden für ein standardisiertes Vorgehen bei der Bewertung der Relevanz von Inter­aktionen entwickelt wurde. Der Beitrag ist eine Zusammenfassung der Originalarbeit.

Ziel einer Arzneimitteltherapie ist die Optimierung des klinischen Zustands des Patienten bei Reduktion vermeidbarer arzneimittelbezogener Probleme (ABP). Die Sensibilisierung der beteiligten Heilberufe und die Verbesserung der intersektoralen Kommunikation in den Bereichen patientenbezogener Medikationsplan, qualifizierte Medikationsanamnese und umfassende Medikationsanalyse durch den Apotheker sind wichtige Bausteine, um Patienten vor vermeidbaren Schäden bei der Arzneimitteltherapie zu schützen (1).

Als eine Maßnahme zur Erhöhung der Arzneimitteltherapiesicherheit bietet die Klinikversorgung der Johannes-Apotheke in Gröbenzell seit November 2012 klinisch-pharmazeutische Dienstleistungen an. Inzwischen werden sechs Kliniken mit verschiedenen Schwerpunkten tageweise durch Apotheker auf Station betreut. Im Stil einer pharmazeutischen Kurvenvisite, bei der Zugriff auf die Patientenakten mit der Gesamtmedikation und auf die Laborwerte besteht, wird eine erweiterte Medikationsanalyse (2b) durchgeführt (2). Das Vorgehen und die Dokumentation in einer Access-Datenbank stützen sich auf die Klasseneinteilung des Problem-Interventions-Documentation-Systems (PI-DOC©) (3).

 

  • W Arzneimittelinteraktion,
  • A Unzweckmäßige Wahl des Arzneimittels,
  • D Unzweckmäßige Dosierung,
  • U Unerwünschte Arzneimittel­ wirkung,
  • S Sonstige Probleme,
  • C Unzweckmäßige Anwen dung durch den Patienten/ Compliance.
     

Im Folgenden werden verschiedene Ansätze zur Auswertung, Interpretation und Nutzung der Ergebnisse vorgestellt. Erstmalig wurde der Weg einer teaminternen Standardisierung und Qualitätssicherung bei der Medikationsanalyse zur Beurteilung von Wechselwirkungen unter Berücksichtigung patientenindividueller Faktoren am Beispiel der Kombination QT-zeitverlängernder Arzneistoffe beschritten.

Auszeichnung

Für die Arbeit wurde Barbara Geyer beim 6. Niedersächsischen Fort­bildungskongress 2016 in Bad Zwischen­ahn von der Präsidentin der Apothekerkammer Niedersachsen, Magdalene Linz, mit dem ersten Preis der Dr. Hellmuth-Häussermann-Stiftung ausgezeichnet. Zu der Arbeitsgruppe gehören Dr. Sonja Mayer, Michaela Häberle und Dr. Kirsten Dahse, die wie Barbara Geyer als angestellte Apothekerinnen in der Johannes-Apotheke, Gröbenzell von Dr. Ulrich Krötsch tätig sind.

<typohead type="1">Arzneimittelbezogene Probleme

 

Von den 7890 visitierten Patienten traten bei 3832 Patienten insgesamt 6240 relevante arzneimittelbezogene Problemstellungen auf. Mit einer Häufigkeit von 48,6 Prozent, das heißt bei nahezu jedem zweiten Patienten, bestand Gesprächsbedarf bezüglich der medikamentösen Therapie und potenzieller Risiken. Das Durchschnittsalter der betrachteten Population lag bei 71 Jahren. Inklusive Bedarfsmedikation waren 9,2 Wirkstoffe pro Patient verordnet. Jeder dritte erhielt eine Antibiose und nahezu jeder dritte Patient hatte eine eingeschränkte Nierenfunktion (GFR < 60ml/min).

 

1. PI-DOC©-Klassifikation

Von den 6240 detektierten ABPs machten in der Klasseneinteilung nach PI-DOC© Wechselwirkungen mit 29 Prozent den größten Anteil aus. 27 Prozent der Fälle betrafen die Dosierung (Tagesdosis, Frequenz, Dauer, gegebenenfalls Anpassung im Alter, bei Niereninsuffizienz). In 22 Prozent wurden sonstige Hinweise gegeben, meist bezüglich der Wahl des Einnahmezeitpunkts oder einer unvollständigen Dokumentation. Unter die Rubrik unzweckmäßige Wahl fielen Anmerkungen zu ungeeigneten Darreichungsformen, Doppel-Verordnungen, Kontraindikationen, Arzneimitteln ohne Indikation und potenziell inadäquaten Medikamenten im Alter.

 

Die Verteilung nach Art ist in Abbildung 1 dargestellt. Die PI-DOC©-Klassifikation berücksichtigt nicht die Schwere der ABPs. Die Tatsache, dass in jeder Kategorie Gesprächsbedarf besteht, verdeutlicht den Anspruch, die Medikationsanalyse in diesem Umfang durchzuführen. Für Medikationsanalysen, die in Kommunikation mit dem Patienten erfolgen, werden in der Kategorie C die richtige Anwendung und Therapietreue abgefragt und dokumentiert.

Tabelle 1: Top 20 der relevanten Interaktionen nach Häufigkeit des Auftretens;

Wirkstoff(gruppe) 1 Wirkstoff(gruppe) 2 Anzahl der Interaktionen
Schilddrüsenhormone Kationen, polyvalente 132
Simvastatin Amlodipin 115
Heparinoide Thrombozytenaggregationshemmer 88
Antikoagulanzien Serotonin-Reuptake-Hemmer 72
Acetylsalicylsäure Ibuprofen 63
Antidepressiva, trizyklische, und Analoge Neuroleptika 47
Clopidogrel Protonenpumpenblocker 43
Stoffe, die die QT-Zeit verlängern können Neuroleptika 38
ACE-Hemmer Allopurinol 35
Herzglykoside Diuretika, kaliuretische 33
Citalopram/Escitalopram Protonenpumpenblocker 29
Serotonin-Reuptake-Hemmer Opioide 27
Bisphosphonate Kationen, polyvalente 25
Antidepressiva, trizyklische, und Analoge Antibiotika, QT-Zeit-verlängernde 24
Gyrasehemmer Kationen, polyvalente 23
Antibiotika, QT-Zeit-verlängernde Neuroleptika 23
Eisensalze Aluminium-, Calcium- und Magnesiumsalze 20
Kaliumsalze Diuretika, kaliumretinierende 20
Cholesterol-Synthese-Hemmer Amiodaron 19
Oralcephalosporine Stoffe, die den Magen-pH erhöhen 19

Klinik 1: September 2013 bis Dezember 2015 und Klinik 2: November 2013 bis Dezember 2015

2. Wechselwirkungen

 

Beim standardisierten Interaktionscheck unter Verwendung der ABDA-Datenbank wird bei Einblendung aller Kategorien eine Vielzahl von Arzneimittel-Wechselwirkungsmeldungen angezeigt. Die Einstufung der patientenindividuellen klinischen Relevanz, die eine ärztliche Rücksprache erforderlich macht, nimmt der Apotheker durch sorgfältige Evaluation und mit pharmazeutischem Sachverstand vor. In Tabelle 1 sind die Top 20 der klinisch relevanten Interaktionen sortiert nach absteigender Häufigkeit dargestellt. Die 16 häufigsten sind bereits für 50 Prozent aller detektierten Interaktionen mit Gesprächsbedarf verantwortlich.

Die oftmals wirkstoffgruppen-basierte Einteilung der ABDA-Datenbank wird dem wahren Interaktionspotenzial des einzelnen Wirkstoffs nicht immer in vollem Maße gerecht (4). Innerhalb der Gruppe der Protonenpumpenhemmer betreffen die in der Tabelle gelisteten Interaktionen lediglich die Wirkstoffe Omeprazol und Esomeprazol als CYP2C19-Inhibitoren. Somit können die Ergebnisse der Medikationsanalyse auch genutzt werden, um Schlussfolgerungen zur Auswahl von Arzneistoffen für die Hauslisten der Kliniken, in diesem Fall den bevorzugten Einsatz von Pantoprazol, abzuleiten.

 

Ausgewertet auf Wirkstoffebene zeigt Tabelle 2 die Stoffe, die am häufigsten für klinisch relevante Interaktionen verantwortlich sind. Die Nennung von Acetylsalicylsäure an erster Stelle mag überraschen. In 63 Fällen wurde die Problematik bei Kombination mit Ibuprofen als postoperative Schmerzmedikation der chirurgischen Fachbereiche über mehrere Tage thematisiert. Alle weiteren Meldungen betrafen das erhöhte Blutungsrisiko. Die Kenntnis der in der Praxis häufigen Arzneistoffe mit Interaktionspotenzial schult in der alltäglichen Routine das Auge für ABPs dieser Kategorie.

Tabelle 2: Top 20 der Wirkstoffe, die an relevanten Interaktionen beteiligt sind; Klinik 1: September 2013 bis Dezember 2015 und Klinik 2: November 2013 bis Dezember 2015

Wirkstoff Anzahl
Acetylsalicylsäure 233
Simvastatin 185
Citalopram 164
Levothyroxin 144
Calcium 138
Certoparin 129
Amlodipin 118
Clopidogrel 105
Ibuprofen 82
Amiodaron 79
Mirtazapin 78
Eisen 75
Quetiapin 66
Ramipril 65
Omeprazol 54
Allopurinol 53
Ciprofloxacin 53
Melperon 41
Kalium 40
Amitriptylin 39

3. Potenzielle Risiken

 

3.1 »Rote-Ampel-Arzneimittel«

 

Unter Hochrisiko-Arzneimittel fallen Wirkstoffe mit geringer therapeutischer Breite, Arzneimittel mit ungewöhnlichen Dosierungsschemata und Arzneistoffe mit hohem Interaktionspotenzial (5). Wirkstoffe, die zu schwerwiegenden Interaktionen führen, werden für eine Klinik in einer Subgruppenanalyse identifiziert, gestützt auf die Kategorien »kontrainidiziert« und »vorsichtshalber kontraindiziert« des ABDA-Interaktionsmoduls mit getrennter Erfassung chirurgischer und internistischer Fachgebiete. Bei Verordnung der als »Rote-Ampel-Arzneimittel« bezeichneten Stoffe muss bildlich gesprochen nach Durchführung eines Interaktionschecks oder bevorzugt nach einer Medikationsanalyse durch die Apotheke grünes Licht gegeben werden. Die in Form eines Flyers herausgegebenen »Rote-Ampel-Arzneimittel« zeigt Abbildung 2.

 

3.2 Niereninsuffizienz

 

Eine Analyse der ABPs bei Patienten mit Niereninsuffizienz kam zu dem Ergebnis, dass die zehn am häufigsten be­teiligten Wirkstoffe 73 Prozent der ­notwendigen Dosisanpassungen abdecken. In der Reihenfolge der Häufigkeit gingen die ABPs zurück auf die Wirkstoffe Ramipril, Hydrochlorothiazid, Simvas­tatin, Metformin (Änderung der Fach­information im Juli 2014), Glimepirid, Cefuroxim, Sitagliptin, Enalapril, Spironolacton und Olmesartan. In drei Fällen erforderten Wirkstoffe mit enger therapeutischer Breite eine Dosisanpassung, bei Certoparin, Pregabalin and Digoxin (7).

 

Wenn der Serumkreatininwert beziehungsweise die glomeruläre Filtrationsrate (GFR) nicht bekannt sind, können die Verordnung bestimmter Arzneistoffe wie Calcitriol, Phosphatbinder und Diuretika zur sequenziellen Nephronblockade oder die Dosisreduktion nierenfunktionsabhängiger Arzneimittel wie Sitagliptin im Umkehrschluss einen Anhaltspunkt für eine eingeschränkte Nierenfunktion liefern (8).

3.3 Alter

 

Um die für ältere Patienten (über 65-Jährige) ungeeigneten Arzneimittel zu vermeiden und die Dosierung der Arzneistoffe zu kontrollieren, kann die PRISCUS-Liste herangezogen werden (9). Bei den Mitteln zur Behandlung von Schlafstörungen wird vor allem bei Zolpidem und Zopiclon häufig angemerkt, die Therapie mit halber Dosierung entsprechend den Angaben der Fachinformation zu beginnen (6). In der Beers-Liste 2015 wird vom Einsatz von Z-Substanzen bei Senioren generell abgeraten (10).

 

Die Medikation sollte insbesondere auf Arzneistoffe, für die eine Assoziation mit einem erhöhten Sturzrisiko wie Antidepressiva, Hypnotika und Sedativa bekannt ist, geprüft werden. Kognitive Störungen im Alter können die Folge anticholinerger (Neben-)Wirkungen sein.

 

3.4 Risikopatienten

 

Die Fragestellung, welcher Patient besonders von pharmazeutischer Betreuung profitiert, wurde an einer Subgruppe von 553 Klinikpatienten analysiert. Patienten mit einer laufenden Antibiose, mindestens zehn Wirkstoffen oder einem Serumkreatininspiegel von mehr als 1,3 mg/dl (määnlich)/1,1 mg/dl (weiblich) machen 80 Prozent aller Patienten mit einem ABP aus. Das Alter stellt keinen Risikofaktor dar (11). Im ambulanten Bereich spricht man bereits ab fünf Wirkstoffen von Polypharmazie. Wie oben beschrieben macht auch die Verordnung von Hochrisiko-Arzneimitteln den Patienten zum Risikopatienten, der von pharmazeutischer Beratung profitieren kann (6).

 

Mit diesen Daten ist eine softwaregestützte Patientenvorauswahl möglich, um bei gleichem Zeitaufwand mehr Patienten mit ABPs stationsübergreifend zu erreichen.

Tabelle 3: Risikokategorie ausgewählte Arzneistoffe nach AZCERT (14)

Klasse I Klasse II Klasse III
»Risk of TdP« »Possible Risk of TdP« »Conditional Risk of TdP«
Amiodaron Clozapin Amitriptylin
Ciprofloxacin Mirtazapin Fluoxetin
Citalopram Olanzapin Indapamid
Clarithromycin Risperidon Quetiapin
Sotalol

3.5 Kritische Ereignisse

 

Kritische Ereignisse werden für das »Critical Incidence Reporting System« (CIRS), dem Berichtssystem für sicherheitsrelevante Ereignisse im Krankenhaus, markiert. Diese Form des Risikomanagements zielt darauf ab, zu lernen und einer Wiederholung vorzubeugen. In einer Auswertung über drei Monate wurden 14 arzneimittelbezogene Probleme als CIRS-Fälle bewertet (12). Beispiele sind die einmal tägliche Verordnung der Wochendosis (!) von Risedronat, die fehlende Dosisanpassung bei Arzneimitteln mit enger therapeutischer Breite, nicht testgerechte Auswahl von Antibiosen, die Einnahme von vier QT-Zeit-verlängernden Arzneistoffen bei laut EKG dokumentierter QT-Zeit-Erhöhung.

Tabelle 4: Risikofaktoren für die Entwicklung eines arzneimittelinduzierten LQT-Syndroms (15)

Risikofaktor Beispiel
patientenindividuell weibliches Geschlecht
Vorliegen einer genetischen LQT-Form
kardiovaskuläre Erkrankung Bradykardie, AV-Block, Herzinsuffizienz, Herzhypertrophie, Herzinfarkt
andere Erkrankungen Niereninsuffizienz (relevant bei ungenügender Dosisanpassung renal elimierter Pharmaka)
Anorexie
Elektrolytstörung Hypokaliämie, zum Beispiel bei Einnahme von Diuretika, hohem Lakritzverzehr, durch Erbrechen und Diarrhö
Hypomagnesiämie, Hypocalciämie
Arzneitherapie Digitalistherapie
hohe Dosen oder Kombination von QT-verlängernden Pharmaka
rasche intravenöse Infusion von QT-verlängernden Pharmaka

<typohead type="1">Kommunikation

 

Nach Erkennen eines ABP muss der Apotheker Lösungsansätze beziehungsweise Alternativen einzelfallbezogen aufzeigen. Ideal ist eine ­Entscheidungsfindung mit dem verordnenden Arzt im persönlichen Gespräch bei einer fachlichen Diskussion. Nur an dieser Stelle hat der Apotheker die Möglichkeit, sich präventiv in den Medikationsprozess einzubringen. Für die Etablierung einer neuen Sicherheitskultur müssen Aufgaben- und Rollenverhältnisse der beteiligten Berufsgruppen abgestimmt sein (2). Vorab Regeln für die Kommunikationswege festzulegen, erleichtert die Praktikabilität und fördert die Akzeptanz.

 

1. Schulungen zu arznei­mittelbezogenen Problemen

 

Im zweiten Schritt gilt es, Themen der Arzneimitteltherapiesicherheit im kontinuierlichen Dialog zu ABPs und Risikokriterien in Form von gezielten Schulungen für Ärzte und Pflegepersonal aufzubereiten. Für Fortbildungen kann ein großer Rahmen gewählt werden, bewährt hat sich jedoch die Form von Kurzvorträgen im Rahmen der wöchentlichen Besprechungen der Fachabteilungen. Kenntnis über Ursachen, Mechanismen und Auswirkungen können für Risiken bei der Arzneimitteltherapie sensibilisieren. Flyer und Aushänge können für diesen Zweck ebenfalls genutzt werden. In diesem Zusammenhang sind die Ärzte auf das von der AkdÄ initiierte Projekt zur Erfassung und Bewertung von Medikationsfehlern hinzuweisen. Apotheken melden Medikationsfehler an die ­Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker auf dem UAW- Berichtsbogen.

 

2. Interne Standardisierung

 

Aus den von der ABDA-Datenbank angezeigten Interaktionen wird nur ein Bruchteil mittels pharmazeutischer Fachkompetenz als klinisch relevant eingestuft. Die Quote liegt bei 8 bis 9 Prozent (4, 6). In beispielhaften Untersuchungen aus USA beträgt der Anteil an übergangenen Interaktionswarnungen zwischen 87 Prozent und über 90 Prozent (13). Wie filtert man relevante Interaktionen heraus? Und kommen die Kollegen aus einem Team zum gleichen Ergebnis?

 

Um diese zentralen Fragestellungen aufzugreifen und daraus einen Handlungsleitfaden zu entwickeln, wurden die Interaktionen betrachtet, die teils als klinisch relevant, teils ohne Gesprächsbedarf dokumentiert sind. Ausgehend von der Annahme, dass insbesondere bei diesen Kombinationen vorherrschende Risikofaktoren und patientenindividuelle Parameter wie Alter, Geschlecht, eingeschränkte Organfunktion (Niere, Leber), Elektrolyt-Serumspiegel und Multimorbidität in das Urteil über die Relevanz der Wechselwirkung miteinfließen müssen, sind Entscheidungshilfen für diese Interaktionsnummern besonders relevant. In einer elektronischen Datei soll zukünftig jede erfasste Interaktion anhand der ABDA-Nummer schnell aufgefunden werden können. Um eine Übersichtlichkeit zu gewährleisten, werden Themenfelder zusammengefasst beispielweise in Interaktionen, die auf ein sogenanntes Trio infernale (nicht steroidales Antirheumatikum oder COX-2-Hemmer, ACE-Hemmer und Diuretikum) hinweisen oder Wechselwirkungen, die die QT-Zeit-Verlängerung betreffen.

 

Abbildung 3 zeigt exemplarisch einen Auszug der standardisierten Bewertung der Kombination von QT-Zeit-verlängernden Stoffen. Benötigt werden dazu die AZCERT-Klassifikation der betroffenen Arzneistoffe (Tabelle 3) und die Kenntnis der Risikofaktoren für das Auftreten einer QT-Zeit-Verlängerung und Torsade-de-pointes-Arrhythmien (Tabelle 4). Patienten sollten da­rauf hingewiesen werden, bei Symptomen wie Herzrasen, Benommenheit, Schwindel oder Ohnmacht den Arzt zu ieren. Bei der leitliniengerechten Kombination Citalopram und Mirtazapin zur Behandlung der unipolaren Depression besteht trotz Kombination Klasse I/II nach AZCERT bei Dauertherapie und ohne neu aufgetretene/hinzugekommene Risikofaktoren kein zwingender Gesprächsbedarf (16).

 

Geplant ist, die nach ABDA-Nummern sortierte Tabelle inhaltlich kontinuierlich auszubauen. Die Spalte »Quergedacht« ist vorgesehen für stichpunktartige Informationen und Hinweise, an die man im Zusammenhang mit den betroffenen Wirkstoffen und Wirkstoffgruppen denken sollte. Darunter fällt die Identifikation von Verordnungskaskaden und von Drug-Disease-Interaktionen (Tabelle 5).

 

Der Handlungsleitfaden fundiert als Orientierungshilfe zu einer standardisierten Vorgehensweise und vertieft die Kompetenzen des Apothekers in Evaluation und Interventionen zur Pharmakotherapie. Bereits die Phase der Erstellung ist durch den intensiven Dialog mit einem deutlichen Wissenstransfer unter den Kollegen ver­bunden.

Tabelle 5: Auszug aus der Tabelle der bewerteten Interaktionen nach ABDA-Nummer

ABDA-Nr. Wirkstoff (gruppe) 1 Wirkstoff (gruppe) 2 Kategorie Quergedacht
1337 Antidepressiva, trizyklische, und Analoge Neuroleptika Überwachung Antidepressivum U anticholinerge Wirkung Amitriptylin S abends wenn 1xtgl. Clozapin bei M. Parkinson? Antiemese Domperidon Clozapin U Agranulozytose, Leukos prüfen Mirtazapin S bis 30mg zur Nacht Quetiapin S zur Nacht wenn 1xtgl.
1384 Antidepressiva, trizyklische Serotonin- Reuptake-Hemmer vorsichtshalber kontraindiziert Wirksamkeit der Kombination nicht durch kontrollierte Studien belegt (16) Antidepressivum U anticholinerge Wirkung Amitriptylin S abends wenn 1x tgl. Citalopram D Priscus TDmax 20 mg Fluoxetin S t1/2 bis 7 d

Abkürzungen: U Unerwünschte Arzneimittelwirkung, D Dosierung, TDmax maximale Tagesdosis, S Hinweis

<typohead type="1">Diskussion

 

Die Arzneimitteltherapie ist der fehleranfälligste Teil der medizinischen Versorgung (17). Um den Therapieerfolg zu sichern und Arzneimittelrisiken zu minimieren, kann der Apotheker im interdisziplinären Austausch einen wichtigen Beitrag leisten.

 

Während eines Krankenhausaufenthalts wird die Dauermedikation der Patienten größtenteils unverändert fortgeführt. Je nach Grund der Einweisung wird eine zusätzliche Akutmedikation mit Antibiotika oder Schmerzmitteln notwendig, meist auch eine Antikoagulation zur Primärprophylaxe thromboembolischer Ereignisse. Antibiotika, Schmerzmittel oder (orale) Antikoagulanzien kommen ebenfalls in der ambulanten Behandlung vor, so dass die vorgelegten Ergebnisse auf den ambulanten Patienten in der Offizin-Apotheke übertragbar sind.

 

Auswertungen über die Art häufiger arzneimittelbezogener Probleme und die Kenntnis über vermehrte relevante Interaktionen und die daran beteiligten Wirkstoffe schulen den kritischen Blick für arzneimittelbezogene Risiken. Aus der Festlegung von »Rote-Ampel«-Arzneistoffen mit Potenzial für schwerwiegende Interaktionen und aus den kritischen Ereignissen lassen sich Strategien zur Risiko- und Fehlervermeidung ableiten.

 

Die Akzeptanz der Medikationsanalyse bei den Ärzten wächst mit der Qualität der Anmerkungen. Diese Tatsache und der eigene Anspruch, die Ergebnisse der Medikationsanalyse durch verschiedene Ausführende reproduzierbar zu machen, untermauert die Notwendigkeit einer internen Standardisierung.

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In der Rubrik Originalia werden wissen­schaftliche Untersuchungen und Studien veröffentlicht. Eingereichte Beiträge sollten in der Regel den Umfang von vier Druckseiten nicht überschreiten und per E-Mail geschickt werden. Die PZ behält sich vor, eingereichte Manuskripte abzulehnen. Die veröffentlichten Beiträge geben nicht grundsätzlich die Meinung der Redaktion wieder.

 

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<typohead type="1">Fazit

 

Die Komplexität der Medikationsanalyse ist eine Herausforderung für Pharmazeuten. Allein der Terminus »Komplexität« impliziert die Vielschichtigkeit und Variabilität der Art der auftretenden arzneimittelbezogenen Probleme sowie der verschiedenen Möglichkeiten der Auswertung, Interpretation und Kommunikation der Ergebnisse. Anspruchsvoll im Sinne von komplex ist insbesondere die Bewertung der klinischen Relevanz von Wechselwirkungen. Trotz der Komplexität zeigen die Erfahrungen aus zwei Jahren, dass man sich mit Engagement dem Ziel einer effizienten, umfassenden und qualitativ hochwertigen Medikationsanalyse zur Steigerung der Arzneimitteltherapie­sicherheit und damit zum Wohle des Patienten nähert. /

 

Literatur 

  1. Bundesministerium für Gesundheit. Aktionsplan 2013-2015 zur Verbesserung der Arzneimitteltherapiesicherheit. http://www.bmg.bund.de/fileadmin/dateien/Downloads/A/ Arzneimittelversorgung/Aktionsplan_2013_-_2015 (Zugriff am 25.02.2016)
  2. ABDA. Grundsatzpapier zur Medikationsanalyse und zum Medikationsmanagement, Überblick über die verschiedenen Konzepte zur Medikationsanalyse und zum Medikationsmanagement als apothekerliche Tätigkeit, Stand Juni 2014. http://www.abda.de/fileadmin/assets/Medikationsmanagement/Grundsatzpapier_MA_MM_GBAM (Zugriff am 25.02.2016)
  3. Schaefer M. Discussing basic principles for a coding system of drug-related problems: the case of PI-Doc. Pharm World Sci 2002; 24(4):120-127
  4. Sickau C. Weiterbildungsarbeit Klinische Pharmazie. Arzneimittelinteraktionen im klinischen Alltag – Der Apotheker als »Spam-Filter«. 2014.
  5. Jaehde U, Kloft C, Kulick M. Arzneimitteltherapiesicherheit Herausforderung und Zukunftssicherung. Pharm. Ztg. 2013; http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=46267 (Zugriff am 25.02.2016)
  6. Geyer B. Weiterbildungsarbeit Klinische Pharmazie. »Rote-Ampel-Arzneimittel« warten auf grünes Licht aus der Apotheke Analyse der Häufigkeit und Art arzneimittelbezogener Probleme im Klinikum Fürstenfeldbruck zur Bedarfsermittlung der Medikationsanalyse. 2014. PZ Prisma, eingereicht
  7. Dahse K, Titz S K et al. Improving medication safety in patients with renal failure – the pharmacist›s perspective. Poster, 43rd ESCP Symposium on Clinical Pharmacy 2014, Copenhagen, Denmark. HP-PC055 http://www.bdp-congress.dk/ESCP2014/img/ESCP_Copenhagen_2014_Abstractbook_141007
  8. Hartmann B, Czock D, Keller F. Arzneimitteltherapie bei Patienten mit chronischem Nierenversagen. Deutsches Ärzteblatt Jg. 107 Heft 37 17. September 2010; https://www.aerzteblatt.de/107/37/m647, Zugriff am 03.08.2016
  9. Holt S, Schmiedl S, Thürmann PA: Potentially inappropriate medication in the elderly–PRISCUS list. Dtsch Arztebl Int 2010; 107: 543-551. http://priscus.net/download/PRISCUS-Liste_PRISCUS-TP3_2011
  10. The American Geriatrics Society 2015 Beers Criteria Update Expert Panel. American Geriatrics Society 2015 Updated Beers Criteria for Potentially Inappropriate Medication Use in Older Adults. J Am Geriatr Soc. 2015 Nov;63(11):2227-46
  11. Dahse K. Medikationsanalyse auf chirurgischen und internistischen Stationen. Welche Patienten profitieren besonders von pharmazeutischer Betreuung? Krankenhauspharmazie 2015; 36: 451-457
  12. Mayer, S, Schoenberg M. Quick-Check – Prävention von vermeidbaren, unerwünschten Arzneimittelereignissen bei stationären Patienten, WIPIG Präventionspreis 2014, 1. Platz Kategorie »Beste Kooperation Arzt / Apotheker«
  13. Zagermann-Muncke P. ABDA-Datenbank Interaktionsalarm – na und? Pharm. Ztg. 2009, http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=30772 (Zugriff 28.02.2016)
  14. https://www.crediblemeds.org/
  15. Hein L. Long-QT-Syndrom Wenn das Herz aus dem Takt gerät. Pharm. Ztg. 2009, http://www.pharmazeutische-zeitung.de/?id=29235 (Zugriff 05.08.2016)
  16. S3-Leitlinie/NVL Unipolare Depression. Langfassung 2. Aufl., 3. Version. Stand Nov. 2015. www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/nvl-005.html
  17. Zitat Jürgen Schölmerich, http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/medikamente-fehler-bei-der-einnahme-ein-enormes-problem-a-1026319.html (Zugriff 28.02.2016)

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