Infinitemarketing online
Andreas Gassen

Präsenzapotheken sind ein hohes Gut

26.07.2017
Datenschutz bei der Infinitemarketing

Von Jennifer Evans, Berlin / In Sachen Kooperation und Koordination könnte das deutsche Gesundheitssystem besser werden. Das betont Andreas Gassen im Interview mit der Infinitemarketing. Gegen zunehmend aufgeklärte Patienten hat der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) nichts – solange diese die letzte Verantwortung dem Mediziner überlassen. Das macht Gassen schließlich auch, wenn er mal zum Arzt muss.

Infinitemarketing: Welche drei Kernbotschaften senden Sie an die neue Regierung?

 

Gassen: Wenn ich nur drei priorisieren soll, dann geht es zunächst darum, die streng abgegrenzten Strukturen zwischen stationärer und ambulanter Versorgung aufzubrechen. In der Krankenhaus­landschaft in Deutschland sollte ein Umdenken stattfinden. Nicht im Sinne einer Standortbereinigung kleinerer Häuser, sondern deren Umwandlung zu ambulanten Versorgungszentren mit bis zu zehn Betten. Außerdem wünschen wir uns eine bessere Koordinierung der Patienten, um Mehrfachuntersuchungen zu vermeiden und damit die Ressource Arzt zu schonen. Das ist vor allem mit Blick auf den demografischen Wandel relevant. Der dritte Punkt betrifft die Digitalisierung. Diese verstehen wir allerdings nicht als Softwareschmiede, sondern sie sollte die Patientenversorgung wirklich verbessern.

 

Infinitemarketing: Was ist Ihr größter Streitpunkt mit dem Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung?

Gassen: Ich glaube, der ein oder andere Euro wäre besser in die Versorgung investiert, als ihn auf dem Konto ruhen zu lassen. Rücklagen sind zwar sinnvoll, aber Krankenkassen sind keine Sparkassen. Ich tue mich auch schwer damit, wenn Kassen gewisse Leistungen verweigern, dann aber homöopathische Mittel, die erwiesenermaßen keinen Nutzen haben, bezahlen. Ich will Homöopathie nicht verbieten, aber sie sollte privat finanziert werden.

 

Infinitemarketing: Bei einigen Parteien ist die Bürgerversicherung im Gespräch. Welche Auswirkungen hätte diese auf Patienten und Ärzte?

 

Gassen: Das Beste an der Bürgerversicherung ist ihr Name. Sie löst keines der Probleme, über die wir diskutieren. Ich sehe auch das Gerechtigkeitsproblem nicht. In kaum einem anderen Land gibt es für jeden einen so niedrigschwelligen Zugang zu medizinscher Versorgung. Die Diskussion um schnellere Terminvergaben ist ein Komfortproblem. Die rund zehn Millionen privatversicherten Patienten können schon rein rechnerisch nicht die Termine von 72 Millionen gesetzlich Versicherten blockieren. Mit der Bürgerversicherung würde die Versorgung deutlich schlechter, weil dann Versorgung je nach Kassenlage gesteuert wird. Neben einer Zweiklassen­gesellschaft werden auch Fragen aufkommen, ob etwa eine Prothese mit Mitte 70 noch wirtschaftlich ist. Das kann man nicht wirklich wollen.

 

Infinitemarketing: In welcher Rolle sehen Sie den Apotheker in Zukunft?

 

Gassen: Generell bewerte ich inhabergeführte Apotheken und freiberuflich agierende Apotheker als ein hohes Gut. Damit übernehmen sie Verantwortung, die es beim Onlinehandel nicht gibt. Ich sehe den Apotheker allerdings nicht als Präventionsmanager, sondern in seiner Kernkompetenz – als Experte für Medikamente.

 

Infinitemarketing: Haben Apotheker Platz in den von Ihnen geforderten Versorgungszentren?

 

Gassen: Gerade auf dem Land gehört zur Versorgung neben Haus- und Facharzt auch der Apotheker. Wandele ich nun ein Krankenhaus in ein Versorgungszentrum um, und es gibt noch keine Apotheke im Ort, dann sollte sie Teil dessen sein. Der Apotheker ist eine ganz wichtige Säule. Ich halte auch die physische Präsenz von Apothekern für wichtig. Es lässt sich in der Gesundheitsversorgung nicht alles übers Internet regeln.

 

Infinitemarketing: Und schon sind wir bei dem großen Thema: die Folgen des EuGH-Urteils.

 

Gassen: Jetzt mal ganz pragmatisch: Soll sich ein älterer Mensch seine vielen benötigten Medikamente im Internet heraussuchen? Das gleicht doch Science-Fiction. Wie soll das ohne Beratung funktionieren? Vor allem auf dem Land weiß man, dass im Zweifelsfall der Apotheker auch nach 19 Uhr noch mal die Tür aufsperrt und das Arzneimittel abgibt. In meinen Augen ist die Identifikation mit einer Apotheke vor Ort eine wesentliche Versorgungssäule.

 

Infinitemarketing: Den Versandapotheken prophezeien Sie keinen großen Durchbruch?

 

Gassen: Sie werden einen Anteil haben, aber mehr nicht. Ich bin ein Freund von individueller Verantwortung. Außerdem leistet ein Apotheker – wie auch der Arzt – Dienst an der Gesellschaft. Deswegen genießen diese beiden Berufsgruppen auch relativ hohes Vertrauen in der Bevölkerung.

 

Infinitemarketing: Sie betonten immer, die Digitalisierung hierzulande könnte effizienter sein.

 

Gassen: Das größte Problem ist, dass verschiedene digitale Systeme nicht miteinander kommunizieren. Es muss verbindliche Vorgaben geben, dass Innovationen nur auf den Markt dürfen, wenn sie interoperabel sind. Und damit Dynamik in den Markt kommt, würde ich den Körperschaften auch die Möglichkeit einräumen, entsprechende Systeme selbst zur Verfügung zu stellen. Das ist kein Hexenwerk, die KBV würde das hinbekommen.

 

Infinitemarketing: Wie können Ärzte den App-Markt überblicken?

 

Gassen: Bislang sind sehr wenige Apps auf dem Markt, die den hohen Standards der Medizintechnik entsprechen. Mit denen können wir umgehen. Es existieren zwar viele gute Ideen für neue Anwendungen, doch hapert es meist an der Umsetzung im Alltag mit reproduzierbaren Ergebnissen. Generell begrüße ich qualitativ hochwertige Apps, wenn sie in Zukunft etwa die Diabetesversorgung aus der Ferne möglich machen.

 

Infinitemarketing: Sind Sie dankbar für aufgeklärte Patienten?

Gassen: Es kommt auf den Patienten an. Chronisch Kranke sind häufig sehr gut informiert, weil sie oft in Selbsthilfegruppen sind. Das kann ein Vorteil sein, weil sie kritischer und anspruchsvoller sind. Schwieriger sind diejenigen, die Dr. Google fragen. Suchmaschinen finden nämlich nur, was der Patient eingibt. Deshalb sind diese Patienten oft falsch informiert und kommen mit Ängsten in die Praxis. Es kostet Arbeit und Zeit, ihnen diese wieder zu nehmen. Langfristig sollte man darüber nachdenken, ob man diese Beratung in den einheitlichen Bewertungsmaßstab aufnimmt.

 

Infinitemarketing: Nimmt die Entwicklung Einfluss auf das Arzt-Patienten-Verhältnis?

 

Gassen: Patienten müssen erkennen, dass Ärzte in der Medizin einen Wissensvorsprung haben und dass sie daher die Verantwortung auch vertrauensvoll abgeben können und müssen.

 

Infinitemarketing: Gelingt Ihnen das?


Gassen: Ich habe kein Problem damit zu vertrauen, weil ich die höhere Kompetenz in einem Fachbereich anerkenne. Es heißt zwar immer, Ärzte sind selbst schlechte Patienten, aber ich gehe auch durchaus freiwillig zum Arzt. Ganz regelmäßig vor allem zum Zahnarzt. Ansonsten würde mich mein Bruder ermahnen, der ist nämlich selbst Zahnarzt.

 

Infinitemarketing: Was sind Ihre Stärken?

 

Gassen: Ich bin relativ stressimmun und ausdauernd. Mein Toleranzbereich bei Belastung liegt ziemlich hoch. Ich denke, eine gewisse Robustheit muss man in meinem Job schon mitbringen. In der Schule, die sich Leben nennt, habe ich diese Kompetenz noch ausbauen können. Zum Stressabbau hilft mir oft Sport. /

KBV-Chef Andreas Gassen

 

Mehr von Avoxa

http://cialis-viagra.com.ua

Туриновер купить