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Therapeutisches Drug Monitoring

Arzneimitteltherapie nach Maß

17.07.2018
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Von Falko Wünsche / Fehlendes Ansprechen auf die Therapie trotz korrekter Dosis, fragliche Compliance, vermehrte unerwünschte Wirkungen oder komplexe pharmakokinetische Wechselwirkungen mehrerer Arzneistoffe: Dies sind nur einige der Fragen, bei denen das Therapeutische Drug Monitoring angezeigt ist. Zur Optimierung der Therapie kann es aber nur beitragen, wenn es richtig in die klinische Behandlung integriert ist.

Das Therapeutische Drug Monitoring (TDM) beschreibt die Bestimmung eines oder mehrerer Arzneistoffspiegel im Blut, die Beurteilung des gemessenen Spiegels anhand anzustrebender therapeutischer Zielbereiche und gegebenenfalls die Anpassung der Dosis oder des Dosierintervalls mithilfe des erhaltenen Werts. Zusammengefasst ermöglicht das TDM also eine Dosisindividuali­sierung.

Es basiert auf der Annahme, dass nicht die eingenommene Dosis eines Arzneistoffs dessen Wirkung bestimmt, sondern es vielmehr einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen der Konzentration im Blut beziehungsweise am Wirkort und dem klinischen Effekt gibt – unabhängig davon, ob dieser Effekt erwünscht (Linderung der Symptome) oder unerwünscht (Nebenwirkungen bis hin zu Toxizität) ist.

 

Die erreichte Wirkstoff-Konzentra­tion hängt von vielen Größen ab; dies erklärt die hohe inter- und intraindividuelle Variabilität in der Pharmakokinetik von Arzneistoffen. Faktoren wie Körpergröße, Gewicht, Alter, Geschlecht, Ernährung, Grunderkrankungen (Beeinflussung der Leber- und Nierenfunktion), genetische Einflüsse (Polymorphismen metabolisierender Enzyme) und nicht zuletzt die Begleitmedikation beeinflussen den Weg des Arzneistoffs im Körper. So resultieren bei verschiedenen Patienten – trotz gleicher Dosis – individuell erheblich abweichende Plasmakonzen­trationen. Eine für den einen Patienten wirksame und nebenwirkungsarme Dosis eines Arzneimittels kann bei einem anderen Patienten völlig wirkungslos sein oder im Gegenteil sogar zu toxisch erhöhten Spiegeln führen.

 

Zudem stellt die Komedikation mit mehreren Arzneistoffen eher die Regel als die Ausnahme dar. Da die Substanzen ihren Metabolismus gegenseitig erheblich sowohl hemmen als auch induzieren können, wird die Therapie zunehmend komplizierter und Interaktionen werden in gefährlicher Weise unüberschaubarer. Das TDM ermöglicht eine auf den individuellen Patienten zugeschnittene effektive und sichere Pharmakotherapie – und kann somit auch Kosten sparen. Der Nutzen des TDM wird im Folgenden am Beispiel einiger Arzneistoffgruppen verdeutlicht.

 

Indikationen für TDM

Die therapeutische Breite, das heißt der Abstand zwischen der minimal wirksamen und der minimal toxischen Konzentration, ist für die Mehrzahl der Arzneistoffe ausreichend groß, sodass die gewünschte Zielkonzentration ohne Weiteres mit einem festen Dosierschema ohne Monitoring erreicht werden kann (Grafik 1).

 

Etliche Arzneistoffe haben jedoch nur eine geringe therapeutische Breite. Dann gibt es nur einen schmalen Spielraum, um eine therapeutisch wirksame Konzentration zu erreichen. Eine Unterdosierung kann zu einer unwirksamen Behandlung führen, eine Überdosierung dagegen rasch toxisch wirken. Daher ist der klinische Einsatz des TDM im stationären und im ambulanten Bereich überwiegend auf Arzneistoffe mit einer geringen therapeutischen Breite beschränkt.

 

Eine weitere relevante Anwendung ist das Monitoring von Arzneistoffen mit einer nicht-linearen Kinetik. Die Mehrzahl der Arzneistoffe folgt einer linearen Kinetik; dabei führt beispielsweise eine Verdoppelung der Dosis zu einer Verdoppelung der Steady-State-Konzentration. Bei einer nicht-linearen Kinetik verlängert sich die Eliminationshalbwertszeit infolge der Sättigung der eliminierenden Systeme mit steigender Dosis; gleichermaßen verlängert sich die Zeit bis zum Erreichen des Steady State. Eine Verdoppelung der Dosis erhöht die Steady-State-Konzentra­tion unvorhersehbar um mehr als das Doppelte, sodass eine einfache Dosis­anpassung nicht ohne Kontrolle möglich ist. Beispiele für Arzneistoffe mit einer nicht-linearen Kinetik sind ­Phenytoin, Paroxetin, Theophyllin und Salicylate.

 

Eine Spiegelbestimmung ist auch dann angezeigt, wenn die Wirkung routinemäßig nicht ohne Weiteres erfasst werden kann. So lässt sich die einsetzende Wirksamkeit von Anti­epileptika wie Phenytoin und ­Carbamazepin durch klinische Beobachtung allein kaum beurteilen, da die Anfälle in unregelmäßigen Abständen auftreten. Daher ist ein Monitoring für fast alle Antiepileptika während der Einstellungsphase und danach in regelmäßigen Abständen erforderlich. Im Gegensatz dazu ist für Blutdrucksenker wie Betablocker oder ACE-Hemmer kein TDM vorgesehen, da man die Wirkung problemlos nicht-invasiv durch Messung des Blutdrucks kontrollieren kann.

 

Nicht zuletzt hat das TDM eine ­besondere Bedeutung für bestimmte Patientengruppen. Die metabolisierenden Enzymsysteme und Organe von Kindern sind noch nicht vollständig ausgebildet. Bei älteren und multi­morbiden Menschen dagegen sind die Funktionen der ausscheidenden Organe oft eingeschränkt. In beiden Fällen steigen die Verweildauer und Konzen­tration des Arzneistoffs im Körper. ­Ältere Menschen haben zudem ein größeres Verteilungsvolumen für lipophile Arzneistoffe infolge ihres höheren ­Körperfettanteils.

 

Praktisches Vorgehen

Tabelle 1: Vereinfachtes Vorgehen zur Optimierung der Arzneimitteltherapie mithilfe des Therapeutischen Drug Monitorings je nach gemessenem Tal- und Maximalspiegel

Talspiegel Maximalspiegel Dosis Dosierintervall
normal normal unverändert unverändert
zu hoch zu hoch erniedrigen verlängern
zu hoch zu niedrig erhöhen verlängern
zu niedrig zu niedrig erhöhen verkürzen
normal zu hoch erniedrigen unverändert
normal zu niedrig erhöhen unverändert
zu hoch normal unverändert verlängern
zu niedrig normal unverändert verkürzen

Für verwertbare und interpretierbare Ergebnisse sollte die Blutentnahme erst erfolgen, wenn sich der Arzneistoff und seine Metaboliten im pharmako­kinetischen Gleichgewicht befinden, dem sogenannten Steady State (englisch: gleichbleibender Zustand). Als Faustregel gilt, dass sich der Steady State nach vier bis fünf Halbwertszeiten unter konstanter Dosis eingestellt hat (Grafik 2).

 

Je nach Fragestellung wird ein Talspiegel oder der Maximalspiegel be­stimmt. Während der Zeitpunkt des Talspiegels im Regelfall eine Blutentnahme unmittelbar vor der nächsten Dosisgabe bedeutet, hängt der ideale Zeitpunkt zur Bestimmung des Maximalspiegels maßgeblich von den Eigenschaften des Arzneistoffs und der ­Applikationsart ab. Bei oralen Arzneimitteln sollte die Blutentnahme drei bis vier Stunden nach Einnahme erfolgen. Bei parenteraler Gabe werden Spitzenspiegel etwa 30 bis 60 Minuten nach Ende einer Kurzinfusion erwartet. Eine Ausnahme bildet zum Beispiel das Herzglykosid Digoxin: Die Proben­nahme für das Monitoring sollte frühestens acht Stunden nach der letzten Einnahme erfolgen.

 

Bei einer dosierten kontinuierlichen parenteralen Verabreichung mittels Infusionsspritzenpumpe (Beispiel: Perfusor) kann man praktisch nicht von Tal- und Maximalspiegel sprechen. Gleicher­maßen sollten aber fünf Halbwerts­zeiten bis zur ersten Spiegelbestimmung abgewartet werden.

 

Therapeutische Zielbereiche für Maximalkonzentrationen gelten somit nur nach definierter Applikation des Medikaments und zu genau festgelegten Zeitpunkten der Blutabnahme, die im Laborbericht angegeben werden. Es ist daher empfehlenswert, sich streng an die Empfehlungen des Labors hinsichtlich Entnahmezeitpunkt, Probenmaterial (Serum oder Plasma), Transportbedingungen wie Kühlung oder Lichtschutz und korrekte Beschriftung zu halten. Die Angabe des Entnahmezeitpunkts muss auf der Laboranforderung vermerkt werden, um eine falsche Interpretation und eine daraus resultierende fehlerhafte Dosisanpassung zu vermeiden. Ein vereinfachtes Vorgehen zur Dosisanpassung nach TDM zeigt die Tabelle 1.

 

Ganz allgemein stellen Talspiegel den besseren Indikator für eine möglicherweise bestehende Toxizität dar, da sie den tatsächlichen Gewebespiegeln besser entsprechen. Allerdings existieren nicht für alle Arzneistoffe valide Angaben zu Tal- und Maximalspiegeln.

 

TDM von Immunsuppressiva

Moderne Immunsuppressiva werden nicht nur zur Prophylaxe einer Transplantat-Abstoßung eingesetzt, sondern auch bei schweren autoimmunen Prozessen wie Psoriasis oder rheuma­toider Arthritis. Für diese Wirkstoffe ist ein TDM entweder generell erforderlich (­Ciclosporin A und Tacrolimus) oder wird empfohlen (Mycophenolatmofetil, Sirolimus, Everolimus, Temsirolimus) (Tabelle 2).

 

Immunsuppressiva haben eine sehr enge therapeutische Breite: Bei zu niedriger Konzentration bedrohen Abstoßungsreaktionen das Transplantat, bei dauerhaft zu hoher Konzentration gefährden vermehrt auftretende Infekte und ein erhöhtes Krebsrisiko den Patienten. Bei Ciclosporin A nimmt die Nephrotoxizität zu.

 

Die Bestimmung der Talspiegel von Immunsuppressiva spielt eine wesentliche Rolle im klinischen Alltag. Dabei müssen die gemessenen Spiegel stets kritisch im Kontext mit dem klinischen Status des Patienten beurteilt werden, da die anzustrebenden therapeutischen Bereiche stark abhängen vom transplantierten Organ, von der Zeit seit der Transplantation, dem Therapieschema und nicht zuletzt der Galenik und Kinetik des Arzneimittels. ­Unmittelbar nach der Transplantation werden die Blutspiegel täglich bestimmt, danach nimmt die Frequenz stetig ab auf nur noch einmal pro ­Quartal im zweiten Jahr nach dem Eingriff.

 

Speziell für Immunsuppressiva wird das TDM dringend empfohlen nach ­einem Präparatewechsel, einer Dosis­anpassung oder relevanten klinischen Ereignissen.

Tabelle 2: Arzneistoffgruppen mit geringer therapeutischer Breite, die häufig per TDM kontrolliert werden

Stoffgruppe Wirkstoffe (Beispiele)
Antibiotika Gentamicin, Tobramycin, Vancomycin
Herzglykoside Digoxin, Digitoxin
Antiepileptika Phenytoin, Carbamazepin, Oxcarbazepin, Valproinsäure, Ethosuximid
Zytostatika Methotrexat
Methylxanthine Theophyllin
Immunsuppressiva Mycophenolat, Ciclosporin A, Tacrolimus, Sirolimus, Everolimus
Antipsychotioka Quetiapin, Aripiprazol, Clozapin, Olanzapin, Amisulprid, Fluphenazin
Antidepressiva Lithium, Amitriptylin
Antimykotika Posaconazol, Voriconazol, Fluconazol, Itraconazol
Antiarrhythmika Chinidin, Amiodaron, Dronedaron, Flecainid
Analgetika Paracetamol, Salicylate, Opioide

Psychopharmaka-Spiegel sollten kontrolliert werden

 

Trotz vieler neuer Psychopharmaka bleibt die Therapie mit dieser hetero­genen Arzneistoffgruppe schwierig. Die interdisziplinäre Arbeitsgemeinschaft für Neuropsychopharmakologie und Pharmakopsychiatrie (AGNP) unterstützt Ärzte und Apotheker beim Monitoring von Psychopharmaka. Gemäß der aktuellen Studienlage empfiehlt die AGNP in ihren Leitlinien therapeutische Zielbereiche und weist auf toxische Alarmgrenzen hin. Auch wenn der klinische Wirkeintritt von Psychopharmaka üblicherweise mehrere Wochen dauert, stellen sich stabile Steady-State-Konzentrationen nach etwa einer Woche ein und erlauben dann ein zielgerichtetes Monitoring.

 

Neben einer engen therapeutischen Breite, der individuellen Pharmako­kinetik und einem fehlenden therapeutischen Effekt ist es vor allem die mangelnde Compliance – je nach Literatur bis zu zwei Drittel der Patienten –, die ein TDM von ­Psychopharmaka für alle Substanzen sinnvoll machen kann. ­Verschiedene Studien zeigten, dass die Patienten deutlich besser auf eine antidepressive Therapie an­sprachen, wenn sie auf optimale Plasmakonzentra­tionen mittels TDM eingestellt waren. Für das atypische Antipsychotikum Clozapin wurde eindrucksvoll nachgewiesen, dass bei Schizophrenie-Patienten ein Abfall der Blutspiegel um mehr als 40 Prozent mit einer deutlich erhöhten Rückfallquote und daraus resultierenden mehrwöchigen stationären Aufenthalten verbunden war. Analog kann das TDM eine Überdosierung mit Clozapin vermeiden, die mit den gefürchteten irreversiblen extrapyramidal-motorischen Störungen und Krampfanfällen assoziiert ist.

 

Bei jedem Wechsel von einem oral verabreichten Psychopharmakon auf eine parenterale Depot-Arzneiform (und umgekehrt) sollte eine Spiegel­bestimmung erfolgen. Oft haben ­anorektische oder adipöse psychiatrische Patienten ein verändertes Ver­teilungsvolumen, wodurch die Pharmakokinetik verändert ist. Ebenfalls zu bedenken sind die zahlreichen Inter­aktionsmöglichkeiten: Nahezu alle ­Psychopharmaka sind Substrate für metabolisierende Cytochrom-Systeme wie CYP3A4, CYP2D6 oder CYP1A2.

 

Einen deutlichen Einfluss auf die Plasmakonzentration von Psychopharmaka hat das Rauchen. Bei mehr als zehn Zigaretten pro Tag wird beispielsweise die Aktivität von CYP1A2 durch die polyzyklischen Aromaten im Rauch induziert und nahezu verdoppelt. Die Dosierung von über CYP1A2 meta­bolisierten Substanzen wie Clozapin, Olanzapin oder Duloxetin sollte dann überwacht und an den üblichen ­Zigarettenkonsum des Patienten unter der Therapie angepasst werden.

Bestimmung von Medikamentenspiegeln im Labor

Arzneistoffspiegel für das Therapeutische Drug Monitoring werden quanti­tativ im Blut gemessen, während Bestimmungen im Urin eher bei toxikologischen Fragestellungen erfolgen.

 

Wegen ihrer zahlreichen Vorteile werden bevorzugt chromato­grafische Methoden wie HPLC (High Performance Liquid Chromato­graphy) oder UPLC (Ultra Performance Liquid Chromatography) eingesetzt. Für viele Arzneistoffe reicht eine nachgeschaltete Detektion mit UV- oder Fluoreszenz-Detektor aus. Neben der Retentionszeit erlaubt der zusätzliche Abgleich der Spektren mit einer Substanzbibliothek eine ­sichere Zuordnung. Über ­einen mitgeführten internen Standard kann quantifiziert werden.

 

Gleich mehrere Vorteile vereint die HPLC mit zwei hintereinander ­geschalteten Massenspektrometern, die Tandem-Massenspektrometrie (LC-MS/MS). Die Methode bietet die höchste Sensitivität und Spezifität und misst aus nur wenigen Mikrolitern Probenmaterial mehrere ­gewünschte Substanzen gleichzeitig. Die für das TDM zeitnah benötigten Spiegel sind schnell verfügbar. Allerdings ist diese Methode sehr kosten­intensiv und erfordert hoch quali­fiziertes Personal.

 

Größere Moleküle wie Herzglykoside oder Makrolidantibiotika können mit ausreichender Präzision mit immunchemischen Methoden wie ELISA ­(Enzyme-linked Immunosorbent Assay) manuell oder automatisiert in ­klinisch-chemischen Vollautomaten gemessen werden. Damit stehen sie auch weniger spezialisierten Einrichtungen wie Krankenhauslaboren zur Verfügung.

Wirksame Metabolite einbeziehen

 

Da etliche Psychopharmaka zu wirksamen Phase-I-Metaboliten verstoffwechselt werden, sollte hier sinnvollerweise die Summe der pharmakologisch wirk­samen Substanzen gemessen und be­urteilt werden. Carbamazepin ist ein Arzneimittel zur Behandlung von ­Manien und Epilepsie. Sein wirksamer Metabolit Carbamazepin-Epoxid ist vor allem für die unerwünschten Wirkungen relevant und wird daher mit der Muttersubstanz in Summe bestimmt.

 

Das trizyklische Antidepressivum Amitriptylin wird zusammen mit seinem am Stickstoff demethylierten ­Metaboliten Nortriptylin gemessen, der hoch wirksam und auch selbst als Arzneistoff im Handel ist (Beispiel Saroten®). Amitript­ylinoxid (Beispiel Amioxid Neuraxpharm®) wiederum ist das Prodrug zum Amitriptylin; im TDM ­bestimmt werden Amitriptylin und Nortriptylin.

 

Bupropion, das chemisch zur Familie der Amphetamine zählt und als Anti­depressivum und zur Raucherentwöhnung eingesetzt wird, ist selbst instabil und wird rasch metabolisiert. Sein Hauptmetabolit 6-Hydroxybupropion weist noch über 50 Prozent der Wirkung von Bupropion auf und hat eine lange Halbwertszeit. Der im Befund aufgeführte therapeutische Zielbereich gilt daher nur für den Metaboliten.

 

Antibiotika unter Labor-Lupe

Die größte Zahl der gängigen Anti­infektiva erfordert prinzipiell kein TDM. Ein Monitoring kann aber einerseits wichtig sein, um eine Resistenzbildung durch zu geringe Antibiotikaspiegel zu verhindern, andererseits um unerwünschte Wirkungen durch zu hohe Plasmaspiegel zu vermeiden. Zu den Substanzen mit einer geringen therapeutischen Breite zählen vor allem Aminoglykosid- und Glykopeptid-Antibiotika, beispielsweise Gentamicin, Amikacin, Teicoplanin und ­Vancomycin. Toxische Konzentrationen können schwere irreversible Schäden an den Nieren (Nephrotoxizität) oder dem Innenohr/Hörnerv (Ototoxizitat) verursachen.

 

Bei etlichen, häufig auf Intensiv­stationen eingesetzten ­Aminoglykosid- und Glykopeptid-Antibiotika werden die Blutspiegel bereits routinemäßig bestimmt. Da für diese Arzneistoffe ­valide Erfahrungswerte für Tal- und Maximalspiegel vorliegen, trägt das TDM maßgeblich zur Optimierung der Therapie bei.

Die antibiotische Wirksamkeit der Aminoglykoside hängt von der Höhe der Peak-Konzentrationen ab; daher sollte die Tagesgesamtdosis als Einzeldosis verabreicht werden. Da die Clearance der hydrophilen Aminoglykoside proportional zur glomerulären Filtra­tionsrate (GFR) des Patienten ist, muss die Dosis bei eingeschränkter Nierenfunktion oder bei Anwendung renaler Ersatzverfahren angepasst werden. Unerwünschte Wirkungen korrelieren sowohl mit den Talspiegeln als auch mit der kumulativen Dosis, sodass das TDM dieser Arzneistoffe durch Messung der Talspiegel dringend empfohlen wird.

 

Bei der Therapie mit Glykopeptid-Antibiotika wie Vancomycin ist die Konzentration dagegen möglichst lange oberhalb der minimalen Hemm­konzentration (MHK) zu halten. Eine Spiegelbestimmung wird mindestens in den ersten 48 Stunden empfohlen. Ziel ist es, möglichst hohe Gewebe­spiegel zu erreichen, da Problemkeime wie Pseudomonas aeruginosa eine besonders hohe MHK aufweisen.

 

Bei kritisch Kranken zu beachten

Auch wenn für die nachgewiesenen Keime eine MHK bekannt ist, kann die Pharmakokinetik bei kritisch kranken Patienten im septischen Schock oder bei großflächigen Verbrennungen ­erheblich verändert sein. Allgemeine Empfehlungen zur Dosierung sind dann unzureichend und resultieren in inadäquaten Arzneistoffspiegeln. Beispielsweise erhöht eine intensivierte Volumensubstitution mit Elektrolyt- und Kolloidlösungen das Verteilungsvolumen, sodass die Halbwertszeit ­hydrophiler Antibiotika wie β-Lactame, Aminoglykoside, Glykopeptide, Line­zolid und Colistin, die primär renal eliminiert werden, verändert ist.

 

Zu den pathophysiologischen Veränderungen eines septischen Schocks zählt das Kapillarlecksyndrom ­(capillary leak syndrome), dem im Wesentlichen eine stark erhöhte Durchlässigkeit der Kapillarwände der Blutgefäße zugrunde liegt. Es kommt zum massiven Übertritt von Plasma und Plasmaproteinen in das Interstitium und damit zu einer generalisierten Ödembildung mit zen­traler Hypovolämie. Durch die Verteilung in tiefe Kompartimente werden am Infektionsort möglicherweise keine ausreichend hohen Gewebespiegel des Antibiotikums erreicht. Die Hypopro­teinämie – vorrangig betroffen ist Albumin – vermindert die Plasmaproteinbindung; daraus resultiert eine erhöhte freie Antibiotika-Konzentration im Plasma mit veränderter Ausscheidung.

 

Die zu den β-Lactam-Antibiotika zählenden Penicilline, Cephalosporine und Carbapeneme werden wegen ihres sehr breiten Erregerspektrums häufig zur initialen Therapie akuter Infektionen eingesetzt. Wie bei den Glyko­peptid-Antibiotika hängt ihre Wirksamkeit primär davon ab, wie lange die MHK im Gewebe aufrechterhalten werden kann. Daher werden sie in mehreren Einzeldosen oder kontinuierlich via Perfusor verabreicht. Spiegel des β-Lactam-Antibiotikums Meropenem werden inzwischen nicht nur bei kritisch Kranken routinemäßig im klinischen Alltag bestimmt. Nicht nur zu niedrige Konzentrationen sind klinisch von Bedeutung. Überdosiert können β-Lactame über die Interaktion mit GABA-Rezeptoren vor allem bei Neu­geborenen neurotoxisch wirken.

TDM auch bei rezeptfreien Arzneimitteln

Das bis zur jeweiligen Höchstmenge ohne ärztliche Verschreibung in der Apotheke erhältliche Paracetamol ist aufgrund seiner analgetischen und antipyretischen Eigenschaften in vielen Mono- und Kombinationspräparaten enthalten. Kaum bekannt ist, dass Paracetamol zu den Arzneistoffen mit einer engen therapeutischen Breite zählt (Therapeutischer Bereich: 10 bis 30 μg/ml, toxisch ab 100 µg/ml). Bei Überdosierung kann es schwere Leber- und Nierenschäden verursachen, die letal enden können. Bei Langzeiteinnahme sind eine tubuläre Nekrose und Thrombozytopenie möglich. Eine Spiegelbestimmung ist daher vor ­allem bei chronischer Einnahme, besonderen Patientengruppen und bei Verdacht auf eine versehentliche oder absichtliche Überdosierung sinnvoll.

Antibiotika und Interaktionen

 

Das TDM von Antiinfektiva ist auch zur Beurteilung und Überwachung möglicher Interaktionen relevant. Insbesondere Makrolid-Antibiotika wie Erythromycin und Clarithromycin sowie Azol-Antimykotika wie Fluco­nazol sind wichtige Inhibitoren von CYP3A4. Sie beeinflussen damit die Metabolisierung von Wirkstoffen, die ebenfalls über dieses Enzym verstoffwechselt werden. Dazu zählen neben Statinen, Calciumkanalblockern und Amiodaron auch kritische Arzneistoffe wie HIV-Proteasehemmer und Immunsuppressiva.

 

Fluorchinolone, vor allem Cipro­floxacin, verringern über die Hemmung von CYP1A2 die Metabolisierung von verschiedenen Antidepressiva, Verapamil und Theophyllin. Die verminderte Clearance wiederum erhöht das Risiko für unerwünschte Arzneimittelwirkungen. Kombinationen wie Cipro­floxacin und Theophyllin müssen daher mithilfe engmaschiger Spiegelbestimmungen streng überwacht werden. /

 

Literatur 

  • Haen, E., et al., Wirkstoffkonzentrationsbestimmungen zur Therapieleitung: Ergänzung therapeutischer Referenzbereiche durch dosisbezogene Referenzbereiche. Nervenarzt (2008); DOI 10.1007/s00115-008-2471-9.
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  • Nosseir, N. S., et al., Therapeutisches Drug Monitoring (TDM) von Antiinfektiva in der Intensivmedizin. Dtsch Med Wschr 139 (2014) 1889-1894.
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  • Rosskopf, D., et al., Pharmakokinetische Probleme in der Praxis: Rolle von Arzneimittel­transportern. Dtsch Med Wschr 134 (2009) 345-356.
  • Shipkova, M., Immunsuppression in der Organtransplantation. Diagnostik im Dialog, Ausg. 41 (2013).
  • Rentsch, K., Update zum Therapeutic Drug Monitoring und zu pharmakogenetischen Untersuchungen zur Optimierung der Therapie mit Psychopharmaka. J Lab Med 38 (2) (2014) 63-74.
  • Hiemke, C., et al., TDM zur Optimierung der antidepressiven Pharmakotherapie. Med Welt 56 (2005) 338-343.

Der Autor

Falko Wünsche studierte Pharmazie und Chemie an der Westfälischen Wilhelms Universität in Münster. Auf die Approbation im Jahr 2007 folgte 2011 die Promo­tion am Institut für Biochemie. 2017 schloss er die Weiterbildung zum Klinischen Chemiker der Deutschen Gesellschaft für Klinische Chemie und Laborato­riumsmedizin (DGKL) ab. Aktuell befindet sich Dr. ­Wünsche in der Weiterbildung zum Fachapotheker für Pharmazeutische Analytik. Im MVZ Dr. Eberhard & Partner leitet er die Abteilungen für Klinische Chemie, Endokrinologie/­Immunologie, Gerinnung, Elektrophorese sowie die Arzneistoff- und Drogenanalytik.

 

Dr. Falko Wünsche MVZ

Dr. Eberhard & Partner Brauhausstraße 4

44137 Dortmund

E-Mail: [email protected] 

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