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Anticholinerge Last

Auf kumulative Effekte achten

Symptome wie Mundtrockenheit, Vergesslichkeit oder trockene Augen werden bei älteren Menschen häufig als altersbedingt wahrgenommen und akzeptiert. Sie können jedoch auch als Begleiterscheinung einer Pharmakotherapie auftreten.
Maria Pues
16.08.2019
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Man sollte hellhörig werden, wenn insbesondere ältere Menschen mit bestimmten, scheinbar leichten und/oder mutmaßlich altersbedingen Beschwerden Rat in der Apotheke suchen, sagte Apothekerin Dr. Verena Stahl aus Herdecke in ihrem Vortrag zum Thema anticholinerge Last anlässlich einer Fortbildungsveranstaltung der Apothekerkammer Nordrhein in Jüchen. Anti­cholinerge Nebenwirkungen würden häufig bagatellisiert. Dabei könne eine scheinbar harmlose Störung wie Mundtrockenheit zahlreiche weitere Probleme nach sich ziehen. Das Geschmacksempfinden lasse nach und damit häufig auch der Appetit, Kauen und Schlucken fielen schwer, Karies könne begünstigt und die Mundschleimhaut werde anfälliger für Verletzungen. Selbst dieses Szenario sei denkbar: Dass der Betroffene in der Nacht mit einem starken Durstgefühl erwache und auf dem Weg zur Küche stürze.

Haben Patienten Symptome, die eine Ursache in Arzneimitteln mit anti­cholinerger Haupt- oder Nebenwirkung vermuten lassen, ist daher ein Blick auf die Medikation besonders wichtig. Bei Wirkstoffen wie Dimenhydrinat, Amantadin oder Butylscopolamin ist die anticholinerge Wirkung erwünscht, führt aber häufig auch zu entsprechenden Begleiterscheinungen. Bei Arzneistoffen wie Cetirizin, Amitriptylin oder Tramadol ist die anticholinerge Wirkung gänzlich unerwünscht.

»Häufig ist nicht ein einzelner Wirkstoff mit ausgeprägten anticholinergen Nebeneffekten für die Beschwerden verantwortlich, sondern die Kombination mehrerer Arzneistoffe, deren Potenzial für anticholinerge Nebenwirkungen nicht einmal besonders hoch sein muss«, sagte Stahl. Man spreche dann von der anticholinergen Last, die durch kumulative Effekte zustande komme. Ältere Menschen reagieren auf anticholinerge Wirkungen und Nebenwirkungen besonders sensibel. So kann sich für sie unter anderem das Risiko für Stürze, für Beeinträchtigungen der Kognition und für eine Beschleunigung des kognitiven Verfalls deutlich erhöhen. Auch zu Verwirrtheit bis hin zum Delirium kann es kommen.

Zur Abschätzung der Risiken gibt es verschiedene Arbeitsmit zum Beispiel die Anticholinergic Burden Classification (ABC), den Anticholiniergic Cog­nitiv Burden Scale (ACB), den Anticholinergic Drug Scale (ADS) oder den Anticholinergic Risk Scale (ARS). Sie könnten als Hilfsmittel herangezogen werden, doch man sollte sich insbesondere bei Wirkstoffen mit schwachen anticholinergen Eingenschaften nicht blind auf sie verlassen, sagte Stahl. Sie kritisierte unter anderem, dass die Dosierung unberücksichtigt bleibe. Darüber hinaus gebe es auch wenig Übereinstimmung zwischen den verschiedenen Listen. Und mitunter finde man darauf auch Wirkstoffe, die zwar zu entsprechenden Symptomen führen können, allerdings nicht infolge einer anticholinergen Nebenwirkung, zum Beispiel Mundtrockenheit durch Furosemid.

Oft zu wenig beachtet

Dass die anticholinerge Last häufig auch in Krankenhäusern wenig Beachtung findet und wie sehr auch Wirkstoffe mit einem geringeren Risiko für anticholinerge Nebenwirkungen die Gesamtlast erhöhen können, zeigt eine Beobachtungsstudie in sieben Krankenhäusern aus dem vergan­genen Jahr »Journal of Clinical Pharmacy and Therapeutics«, DOI: 10.1111/jcpt.12694). Sie schloss rund 550 Senioren ein, die aufgrund von Delirium, chronischen kognitiven Beeinträchtigungen oder Stürzen stationär aufgenommen worden waren. 61 Prozent der Patienten erhielten zum Aufnahmezeitpunkt Arzneimittel mit einem Risiko für anticholinerge Nebenwirkungen. Bei 59 Prozent wurde der ACB-Score nicht verändert. Zum Entlasszeitpunkt erhielten 23 Prozent der Patienten, die zuvor keine Arzneimittel mit potenziell anticholinergen Nebenwirkungen erhalten hatten, solche Arzneimittel. Und Wirkstoffe mit niedrigem anticholinergen Potenzial trugen zu 65 Prozent zur Gesamtlast bei.

Auch mehr als die Hälfte der Patienten, die einen Cholinesterasehemmer zur Behandlung ihrer Demenzerkrankung einnahmen, erhielt mindestens ein Arzneimittel mit anticholinergem Potenzial, zum Beispiel ein urologisches Spasmolytikum zur Linderung einer Dranginkontinenz. Durch die Kombination sinke die Wirksamkeit der Antidementiva, warnte Stahl. Aber auch hier wurde die Medikation während des Krankenhausaufenthaltes nicht geändert.

Bei der Beratung in der Apotheke sollte man auf »verdächtige Formulierungen« und Wünsche achten, riet sie abschließend. Dazu gehörten die Frage nach »Astronautennahrung«, wenn ein älterer Patient nicht mehr ausreichend isst, der Wunsch nach einem Beruhigungsmittel wegen neu aufgetretener Rastlosigkeit, die Frage nach »künstlichen Tränen«, aber auch die Feststellung, dass »Kapseln am Gaumen kleben«, wobei das Schlucken ohnehin schon so schwer falle.

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